Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #10 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 2 bis 5

Die Lesung von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", die wir seit Anfang des Jahres immer montags bis freitags um 11.10 Uhr senden, hat 329 Folgen und in den aktuellen geht es auffallend häufig um Karrierefragen – wie unsere wöchentliche Proust-Kolumnistin Doris Anselm bemerkt hat.

Berufsberatung mit Marcel

Augen auf bei der Berufswahl, sagt eine Freundin von mir gern, nur leider sagt sie es immer zu spät. Nämlich dann, wenn Leute schon jahrelang jammern über den Job, den sie haben. Ja, spätestens, wenn’s Richtung Rente geht, geraten auch viele Menschen, denen Marcel Proust völlig egal ist, auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Ihrer eigenen.

Es passt also gut, dass uns diese Woche in Fragen der Aus-, Fort- und Weiterbildung die Proust-Berufs-Beratung unterstützt. Im neuen Abschnitt des Romans präsentiert der Autor nämlich nicht weniger als drei interessante Karrierewege. Nun ist nicht jeder in der komfortablen Lage unseres jungen Erzählers, der sich offenbar bloß zwischen einer Karriere als Diplomat und einer als Schriftsteller entscheiden muss. Aber das verzeihen wir mal, weil Proust sich sogar die Mühe gemacht hat, als dritte Laufbahn eine Option für Frauen anzubieten: Berühmte Schauspielerin. Wichtigster Erfolgstipp hier: gute Pressearbeit.

Als der Erzähler seine Lieblingsdiva endlich auf der Bühne sehen darf, die große "Berma", ist er zwar eigenartig enttäuscht, aber, so Proust hintersinnig: "Man erkennt einen genialen Zug im Spiel der Berma acht Tage, nachdem man sie gesehen hat, anhand der Zeitungskritik."

Acht Tage, okay, das ist nicht gerade Social-Media-Tempo, aber es gibt auch jede Menge "Likes" in Echtzeit aus dem Saalpublikum. Eine begeisterte Besucherin sagt im Roman folgendes über die Berma: "Die strengt sich wenigstens an, die legt sich auch richtig ins Zeug und schont sich nicht […]; das nenne ich noch spielen."

Hier spürt man richtig, wie der Autor sich lustig macht über zweifelhafte Maßstäbe für Kunst und Erfolg. Richtig auffallend wird seine Meinung, als er etwas später eine Figur was ganz Ähnliches bei einem erfolgreichen Schriftsteller loben lässt. Achtung, zweiter Karriereweg der Woche. Dieser Autor nämlich, ich raffe das Zitat ein bisschen, hat "die literarische Produktion aufgenommen", "bereits ganz gut seinen Weg gemacht", "ist nicht der Mann, dabei stehenzubleiben" und hat sich "in zähem Ringen eine hübsche Position erkämpft."

All das klingt weniger nach künstlerischem Schaffen als nach Außenpolitik. Und das ist auch kein Wunder, denn es kommt aus dem Mund von Monsieur Norpois, dem ehemaligen Diplomaten. Womit wir beim letzten Beruf unseres Karrierecoachings in Romanform wären. Für alle, die Botschafterin oder Konsul werden wollen, hab ich die etwas weitschweifigen politischen Ausführungen des Abschnitts etwas eingedampft auf den folgenden Merksatz:

Diplomatie ist, wenn der Weg von Paris nach London über Sankt Petersburg führt.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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