Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #11 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 6 bis 10

In insgesamt 329 Folgen begeben wir uns in unserer Lesung gemeinsam mit den Hörer*innen von rbbKultur auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Als kleine "Wegzehrung" gibt es dazu jede Woche unsere Kolumne "Lust und Frust mit Proust". Darin spricht Doris Anselm, Berliner Autorin und ebenfalls Proust-Erstleserin, über ihre Lieblingsstellen. Diesmal liegen die in der Küche.

Militärischer Gruß aus der Küche

"Ein Boeuf à la gelée, bei dem der Fleischsaft nicht nach Gelatine schmeckt und bei dem das Rindfleisch wirklich den Duft der Karotten angenommen hat, ist freilich bewundernswert."

Glaub ich sofort, da schließe ich mich Monsieur de Norpois aus dem Buch an. Der Botschafter hat bei der Familie des Erzählers gespeist und urteilt nach besagtem Rindsfilet, man habe hier jawohl einen "erstklassigen Küchenchef".

Dass es sich um eine Frau handeln könnte, die kulinarisch hochbegabte alte Köchin Francoise, darauf kommt er gar nicht. Ruhm und Ehre sind eben gern männlich kodiert. Deshalb übermittelt die Dame des Hauses ihrer Köchin das Lob des Botschafters auch, Zitat, "wie ein Kriegsminister nach der Truppenschau die Glückwünsche eines zufällig anwesenden Souveräns." In Wahrheit ist natürlich ganz klar Francoise die Souveränin, oder auch mal der "Küchen-Michelangelo", wie Proust auffällig liebevoll schreibt.

Ja, ich glaube, ich kann jetzt schon vorhersagen, dass die belastbarste Liebesbeziehung des ganzen Romanzyklus diejenige zwischen dem Erzähler und der Köchin bleiben wird, rein platonisch natürlich, oder sagen wir besser: rein lukullisch.

Frei von Abgründen ist diese Liebe aber nicht, schließlich hat Francoise definitiv dunkle Seiten. So dunkle, dass sie für mich inzwischen die interessanteste Nebenfigur ist. Auch weil Proust die Köchin immer wieder als Vergleichsgröße heranzieht, wenn er über andere Figuren spricht. Zum Beispiel damals, als Madame Verdurin Swann aus ihrem Salon ausschloss, um ihn von Odette fernzuhalten: Laut Proust ein vergleichbarer "Todesstoß", wie ihn Francoise in der Küche einem Huhn versetzte.

Und erinnert sich noch jemand an das kranke Küchenmädchen aus Combray? Gequält und beschimpft von Francoise, bis zu dem Moment, als die herrische Köchin die Krankheit des Mädchens im medizinischen Lexikon nachschlagen soll. Über dem Buch weint sie plötzlich vor Mitleid. Um dann, zurück am Bett der Untergebenen, nahtlos mit dem Terror weiterzumachen. Francoise erkennt echtes Leid nur, wenn sie darüber liest.

Diese Unfähigkeit zum direkten Kontakt mit Emotionen, Menschen und Handlungen taucht auch bei anderen Figuren wieder und wieder auf. Sie sind fast nie unmittelbar berührt von etwas – sondern immer erst von den Worten und Gedanken, die darüberlegt werden. Deshalb ist meine Lieblingsstelle diese Woche, als die Hausmannskost-Köchin kurzfristig mal zur fiesen Restaurant-Kritikerin werden darf. Sehr schön herablassend und tendenziell gemein.

Chapeau, Francoise!

Doris Anselm, rbbKultur

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