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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - No 3: Eine Frage der Macht

Was für eine Woche: MeToo ist wieder da, an der Berliner Volksbühne, die katholische Kirche hat angefangen, über Missbrauch zu reden, der Bild-Chef sieht sich mit Vorwürfen des Machtmissbrauchs konfrontiert. Zeit für unsere Kolumnistin Heide Oestreich, über Macht und Machtmissbrauch nachzudenken.

Ich bin Klaus Dörr ein bisschen dankbar. Glatter Abgang, kein Gezeter. Genau genommen bin ich den Frauen der Volksbühne noch dankbarer, für ihren Mut. Doch an Dörr könnte sich so mancher katholische Bischof ein Beispiel nehmen, nur mal so apropos sexuelle Gewalt in Institutionen. Aber was haben wir nun eigentlich gelernt? Warten wir gemütlich auf den nächsten Skandal? Oder sind wir langsam bereit, die Machtfrage zu stellen?

Ich sags mal radikal: Wo Macht konzentriert ist, da wird Macht missbraucht. Nicht nur von Typen wie Dörr, die man getrost zum Auslaufmodell erklären könnte: ein Macho alter Schule, einer der letzten Dinosaurier. Machtkonzentration kann alle verführen. Deshalb ist es auch gut, dass nun über die Macht der Intendant*innen nachgedacht wird. Vielleich muss sie eine andere werden, nach MeToo. Nicht mehr absolut. Mehr konstitutionell. Macht mit Verfassung. Davon können Katholik*innen natürlich bisher nur träumen. Wo die Macht offiziell von einer selbst erfundenen Instanz namens Gott kommt, wird es schwierig mit der Begrenzung.

Aber was bedeuten diese neuen Ansprüche an Macht für unser Verständnis von Führung? Theater und Kirchen haben vielleicht besonders steile Hierarchien, aber: Hierarchien haben wir alle in unserem Arbeitskontext. Und eine Kultur der Angst ist etwas, das von jeder Führungsetage ausgehen kann. Es muss nur die falsche Person dort landen. Ob diese Person sich dann auf Sexismus spezialisiert oder eine andere Form der Schikane – ist dann nur noch für die jeweiligen Opfer relevant.

Organisationen und Betriebe nehmen nun immer stärker den Kampf gegen Diskriminierung und Machtmissbrauch in ihre "Verfassungen" auf. Das ist gut. Aber noch wichtiger ist es, eine angstfreie oder wenigstens angstarme Kultur zu etablieren. Und das meine ich mit der Bereitschaft, die Machtfrage zu stellen. Denn Führung ohne Angst beinhaltet zu Ende gedacht eigentlich auch eine neue Form der Organisation. Darin würden Augenhöhe und geteilte Verantwortung eine Rolle spielen, im Extremfall kommen dabei sich selbst führende Belegschaften ohne Spitzenpersonal heraus. Gibt’s auch schon, sogar in ganz normalen Unternehmen. Aber bisher sehr selten.

Bislang sind wir erstmal so weit, dass immer mehr Chefinnen und Chefs mitbekommen: Angst verbreiten, das gehört nicht mehr ins Repertoire der Macht von heute. Auch schon was. Aber richtig Musik wird drin sein, wenn wir es eines Tages tun: Die Machtfrage stellen.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.

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