Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #12 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 11 bis 15

329 Folgen umfassst unsere Lesung von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" insgesamt. Inzwischen sind wir schon beim zweiten Band angekommen. Und selbst, wenn Sie es nicht schaffen, die Lesung mitzuverfolgen, kriegen Sie bei uns jede Woche ein Stückchen "Proust To Go". Die Berliner Autorin Doris Anselm pickt dafür die spannendsten Stellen aus dem Roman heraus. Heute geht’s um die Stimme – als "Treffpunkt" von Gedanken und Körper.

Stimme ist Stil

Vielleicht bin ich beim Radio gelandet, weil ich menschliche Stimmen schon immer interessant fand. Aber erst Marcel Proust hat mich drauf gebracht, warum die Stimme etwas so Besonderes ist. Er schreibt in unserem aktuellen Romanabschnitt: "Nichts beeinträchtigt so sehr die materiellen Eigenschaften der Stimme wie die Tatsache, dass sie Gedanken wiedergibt."

Das klingt simpel, bezeichnet aber etwas fast magisches: Dass eine Stimme eben nicht immer gleich klingt, weil sie aus dem gleichen Körper kommt, mit den gleichen Resonanzräumen, Schleimhäuten und so weiter. Sondern dass sich das, was wir mit dieser Stimme sagen, auf sie auswirkt.

Den "Gedanken", die Proust hier nennt, würde ich auf jeden Fall noch Gefühle hinzufügen. Ich hatte mal eine Sprechtrainerin, die mich nie fragen musste, wie es mir ging. Sie hörte das schon in den Warm-Sprech-Übungen zu Beginn der Unterrichtsstunde, selbst wenn ich nur "me-mö, me-mö, me-mö" sagte.

Die Stimme bildet also eine Art Bühne, auf der alles spielen kann, was einen Menschen so ausmacht und beschäftigt. Und womöglich nicht nur das Aktuelle.

Nochmal kurz der Satz von Proust: "Nichts beeinträchtigt so sehr die materiellen Eigenschaften der Stimme wie die Tatsache, dass sie Gedanken wiedergibt." Er könnte damit auch meinen, dass die Gedanken, die wir aussprechen, unsere Stimme sogar dauerhaft prägen und verändern. Das würde erklären, warum Kinderstimmen oft gleich klingen, während sich zwei erwachsene Menschen mit ähnlichen Körpern, Kehlen und Rauchverhalten trotzdem völlig unterschiedlich anhören können.

Wenn für unsere Essgewohnheiten gilt: "Du bist, was Du isst", dann gilt für unsere Sprechgewohnheiten vielleicht: "Du wirst, was Du sagst", und zwar tatsächlich in körperlicher, stimmlicher Hinsicht.

Wenig später findet Proust natürlich auch noch einen Weg, das Thema Stimme auf das Thema Literatur zu übertragen. Den Aufhänger dafür bietet, dass unser junger Erzähler endlich Gelegenheit kriegt, bei einem festlichen Abendessen seinen Lieblingsschriftsteller kennenzulernen, Bergotte. Um dessen Stimme geht es auch in dem eben zitierten Satz. Proust stellt eine Verbindung her zwischen einerseits dem Inhalt und der Stimme von gesprochenener Rede und anderseits dem Inhalt und dem Stil eines literarischen Textes.

Die Verbindung ist ein bisschen zu komplex, um sie hier darzustellen, aber kein Problem: In Folge 12 unserer Lesung macht Marcel Proust das selber. So gut, dass die Folge auch wunderbar für sich allein stehen kann – oder doch noch als Proust-Appetizer für den Quereinstieg in den Roman.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

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