Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #14 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 20 bis 23

Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gehört nicht nur zu den bedeutendsten, sondern vor allem zu den längsten Romanen der französischen Literatur. Der Schriftsteller ist allerdings auch berüchtigt für seine extrem langen und komplexen Sätze. Da hilft manchmal nur Humor, findet unsere wöchentliche Proust-Kolumnistin Doris Anselm und fragt ganz direkt: Sprechen Sie eigentlich Proust?

Sprechen Sie Proust?

Manchmal schrecke ich hoch, mitten in einem Proustschen Satz-Ungetüm und frage mich, ob jemand die Übersetzung heimtückisch gegen das französische Original ausgetauscht hat. Mein Schulfranzösisch reicht nämlich kaum noch, um in einem Speisewagen einen Cognac zu bestellen - soll heißen: Ich versteh' nur Bahnhof. Oder eben nichtmal – was heißt "Bahnhof" nochmal auf Französisch? Ach ja: "gare".

Sobald ich also mal wieder "gare" nichts verstehe bei Marcel Proust, mache ich folgendes: Ich kippe den Cognac, lehne mich zurück, setze mein ganzes Vertrauen in die dünne Oberleitung aus garantiert deutschen Wörtern wie "und", "ich" oder "oder" und bete, dass sie mich durch die tiefe Nacht der Verwirrung leitet, bis schließlich der erste schöne scharlachrote Streifen eines starken Verbs am Morgenhimmel auftaucht.

Sie merken schon: Unser Protagonist unternimmt eine Bahnreise in diesem Abschnitt. Es geht mit dem Nachtzug ins erfundene Seebad "Balbec", na endlich, er redet ja schon seit mindestens 400 Seiten darüber. Und im Gegensatz zu ihm brauchen wir keine Angst vor der Fahrt zu haben: Sie ist in sehr anschaulichen, verständlichen Sätzen geschrieben.

Das passt perfekt, weil das Bewusstsein des jungen Mannes im Abteil ganz schön angewärmt ist von Cognac, Bier, Likör oder was er im Speisewagen sonst so hatte gegen seine sonst stets drohenden Erstickungsanfälle. Auf mich wirkt er schon fast bekifft, als er von den Lichtreflexen auf den silbernen Uniformknöpfen des Schaffners derart fasziniert ist, dass er den Mann am liebsten bitten möchte, sich dazuzusetzen.

Aber Proust kann leider auch anders. Ein paar Seiten zuvor haben Inhalt und Form gar nichts miteinander zu tun. Hier hält der Autor eine so sperrige Vorlesung über die Mechaniken der Liebe, als stünde ein strenger Physiklehrer, der im Leben nie von etwas anderem als Kreidestaub bestäubt worden ist, vorn an der Tafel. Zitat: "Dies Beispiel aber wird – da es entkräftend wirken würde – von uns übersehen, wenn wir dabei Betrachtungen über die Wirksamkeit der Isolierung anstellen, so wie es diejenigen, die an Vorahnungen glauben, in allen Fällen tun, in denen sie nicht eingetroffen sind."

Eieiei, ich hoffe, liebe Lesende, Sie haben alle ihre Phasenprüfer in der Tasche, um die Wirksamkeit der Isolierung zu prüfen. Warum wird Proust gerade hier so technokratisch? Vielleicht schimmert da wieder der verzweifelte Wunsch durch, das Wesen der Liebe und der angeblich so anderen "Gattung Frau" endlich mal gründlich auf eine Art Satz der Thermodynamik zu bringen.

Hingerissen war ich dagegen (typisch Frau) von einem Abschnitt, der direkt aus einer Modestrecke der französischen VOGUE stammen könnte. Da schimmert die Seide in zartem "gorge-de-pigeon", das heißt übrigens Taubenblau, und es gibt ein paar fantastische, auf heute übertragbare Ideen, wie eine elegante Dame ihren Stil mit den Jahren weiterentwickeln und sich dabei treu bleiben kann.

Für meine Modesaison gilt daher auf jeden Fall: Der Teufel trägt Proust.

Doris Anselm, rbbKultur

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
picture alliance / Heritage-Images

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed