Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 24 bis 28

Seit Anfang des Jahres senden wir in unserer Lesung täglich von Montag bis Freitag eine Folge von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Viele von Ihnen haben sich bestimmt schon richtig an die tägliche Dosis Proust gewöhnt. So geht es auch Doris Anselm, die für uns jede Woche eine Kolumne dazu macht. Da passt es ihr gut, dass das Thema "Gewohnheiten" auch im Roman gerade eine Rolle spielt.

Was macht die Gewohnheit?

Auf Reisen fühlt man sich ja oft lebendiger als zuhause, man scheint intensiver zu leben und zu erleben. Das spürt auch unser junger Protagonist, der gerade noch äußerst verzagt aufgebrochen war zu seiner Zugreise ans Meer. Nun genügt auf der Fahrt der Anblick eines jungen Mädchens, das auf einem kleinen Bahnhof an der Strecke Milchkaffee verkauft, um die Welt vor seinen Augen einmal ordentlich zu polieren. Proust schreibt:

"Gewöhnlich leben wir mit einem auf das Minimum reduzierten Teil unseres Wesens, die meisten unserer Fähigkeiten wachen gar nicht auf, weil sie sich in dem Bewusstsein zur Ruhe begeben, dass die Gewohnheit schon weiß, was sie zu tun hat, und ihrer nicht bedarf. Aber an diesem Reisemorgen hatten die Unterbrechung der Routine meiner Existenz, der Wechsel von Ort und Stunde die Gegenwart jener Fähigkeiten zur […] Notwendigkeit gemacht. Meine Gewohnheit, seßhaft und keine Frühaufsteherin, war einfach noch nicht da, und alle meine Fähigkeiten eilten nunmehr herbei, um sie zu ersetzen, alle, von der niedrigsten bis zur edelsten, die Atmung, der Appetit, der Blutkreislauf, doch auch die Empfindungsfähigkeit und die Einbildungskraft."

Schön, oder? Nach der Ankunft im Grand Hotel von Balbec bekommt der junge Mann aber auch die Kehrseite der Medaille zu spüren. Warum viele Menschen sich in einem Hotelzimmer, selbst in einem luxuriösen, nicht gleich entspannen können, dafür hat Proust eine poetische Erklärung:

"Unsere Aufmerksamkeit füllt ein Zimmer mit Gegenständen an, doch unsere Gewohnheit lässt sie wieder verschwinden und schafft uns selber darin Platz. Platz aber gab es für mich [nicht] in meinem Zimmer in Balbec (das "meines" nur dem Namen nach war)[…]; es war voll mit Dingen, die mich noch nicht kannten und mich so misstrauisch anstarrten, wie ich es mit ihnen tat, und […] mir zu verstehen gaben, dass ich ihr Dasein störe. Die Wanduhr – während ich zu Hause die meine nur ein paar Sekunden in der Woche hörte, nämlich dann, wenn ich aus tiefem Nachdenken auffuhr – hielt mit Schwatzen keinen Augenblick inne und tat in unbekannter Sprache allerlei Äußerungen, die offenbar gegen mich Unfreundlichkeiten enthielten, denn die großen violetten Vorhänge hörten sie […] mit der gleichen achselzuckenden Haltung von Personen an, die […] zeigen wollen, dass der Anblick gewisser Dritter sie stört." – Proust Ende.

Ähnlich wie Wanduhr und Vorhang verhalten sich übrigens auch die anderen Hotelgäste. An dieser Miniatur-Gesellschaft demonstriert Proust schließlich noch den Aspekt gesamtgesellschaftlicher Gewohnheiten, und wie sie sich verändern.

Die "verlorene Zeit" des Romantitels ist hier auch die des langsam untergehenden Adels. Eine echte Prinzessin, die von den Bürgersgattinnen im Hotel für eine Prostituierte gehalten wird, steht einem neureichen, selbsternannten Südseekönig gegenüber. Keiner versteht mehr die gesellschaftlichen Codes, die früher so klar und ewig schienen, und alles wirkt irgendwie, um noch einmal zu diesem Wortstamm zurückzukehren: gewöhnlich.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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