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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Handschuhe, Hosen - und das Patriarchat

Brauchen Frauen Latexhandschuhe, "Pinky gloves", um ihre Tampons zu entsorgen? Müssen Männer in der U-Bahn die Beine übereinanderschlagen, weil sie sonst des "Manspreading" verdächtig sind? Heide Oestreich über den Unterschied zwischen Spott und Hass.

Da behauptet man tapfer, der Unterschied zwischen Männern und Frauen und allen anderen Geschlechtern sowieso sei ja sooo fein. Aber bereits ein kurzer ethnologischer Blick auf die Völkerschaften des Internets zeigt, wie unglaublich wir ihn aufgeladen haben. Hier mal ein aktuelles Beispiel. Zuerst denkt man noch: süß! Aber dann wird es schnell bitter.

Also, auf der einen Seite stehen zwei Jungs, die haben sich vor den weggeworfenen Tampons ihrer WG-Mitbewohnerinnen im Mülleimer derart geekelt, dass sie die bahnbrechende Erfindung des rosafarbenen Einmalhandschuhs "Pinky" gemacht haben. Ja, richtig, das Ding aus Latex, das es eigentlich schon gibt, und zwar seit ca 1890. Damit greife frau sich fortan in den Schritt, kremple dann den Handschuh kunstvoll um den Tampon und entsorge alles geruchssicher im Hausmüll, so der geniale Einfall.

Diese überaus hilfreiche Idee gewann in einer Fernsehshow prompt Herz und Börse eines Kapitalgebers, ebenfalls männlich. Hohn und Spott der feministischen Community können Sie sich vorstellen oder im Internet nachlesen. Geld mit dem Ekel vor Weiblichkeit verdienen statt einfach mal den Müll runterzubringen – so ungefähr die Quintessenz der Kommentare.

Auf der anderen Seite stehen zwei Künstlerinnen, die sogenannte Riot-Pants erfunden haben. Das sind Hosen, in deren Schritt sie Sprüche wie "Give us Space" gedruckt haben. Wenn frau sich damit so breitbeinig hinsetzt, wie mancher Mann es gern tut, dann gibt’s gleich ne Botschaft dazu.

Eine Kritik an der Vorstellung, dass Männer sich in der Öffentlichkeit selbstverständlich breit machen und ihr Gemächt ausstellen können, wenn es ihnen behagt. "Manspreading" lautet das Fachwort. Die Riot-Pants aber gefallen nun so vielen Männern und auch so einigen Frauen nicht, dass sich unter einem YouTube-Beitrag über diese Hosen ebenfalls der Spott sammelte, Quintessenz: Wann kommt der Beitrag über Handtaschen-Spreading von Frauen, wegen dem Männer keinen Platz in der U-Bahn finden?

Nun könnte man das Ganze als fruchtbaren und lustigen Austausch über unsere Geschlechterbilder abhaken, aber jetzt kommt das Bittere:

Falls jemand den Unterschied zwischen Spott und Hass noch nicht kennt: "Das sind hässliche, ungefickte Feministinnen-Spasten" ist eher in die Kategorie Hass einzusortieren, ebenso wie Fantasien, was man mit denen alles machen müsste. Und das passierte eben nur im zweiten Fall: Als Frauen Männer kritisiert hatten. Was ziemlich grell beleuchtet, dass wir uns eben nicht in einem gemütlichen Austausch über feine Unterschiede befinden. Sondern dass diesen Unterschieden immer noch ein Gewaltsystem eingeschrieben ist: Sie ist tatsächlich immer noch da, die Gewalt des Patriarchats. Sogar wenn es um lustige Hosen und absurde Handschuhe geht.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.