Der Morgen; © rbbKultur
Bild: Kay Nietfeld/dpa

Stilsicher geeinigt - Annalena Baerbock wird grüne Kanzlerkandidatin

Bei den Grünen hat das funktioniert, was bei der Union so gar nicht zu klappen scheint: Sie haben sich ohne öffentlichen Streit auf ihre Kanzlerkandidatin geeinigt: Annalena Baerbock führt also die Grünen in die Bundestagswahl. Und sie hat auch gleich mahnende Worte an die Union gerichtet: Laschet und Söder mögen sich doch endlich mal einigen. Jörg Magenau kommentiert die friedliche Entscheidung der Grünen.

Es sah so aus wie die Werbeveranstaltung einer Online-Partnervermittlung. Sie und Er traten auf als junges, dynamisches Paar, das sich glücklich gefunden hat. Er ganz locker im aufgekrempelten schwarzen Hemd, sie im blauen Kleid, so gediegen wie attraktiv. Vom "Miteinander" sprach er, von "Kooperation", "Vertraulichkeit", ja sogar von "Leidenschaft". Sie beschwor die Solidarität, die Kraft der Veränderung und den Glauben an diese Kraft.

Robert Habeck und Annalena Baerbock inszenierten sich als das Traumpaar der Politik. Sie demonstrierten, wie man aus dem eigenen Machtanspruch eine Stilfrage machen kann. "Wir wollen Führung so leben, dass man aneinander wächst und sich nicht die Beine wegtritt", sagte Robert Habeck. An diesem Satz werden die beiden zu messen sein, auch wenn er gegen die Konkurrenten Laschet und Söder von den Unionsparteien gerichtet war, die in ihrem gockelhaften Kampf genau diese Solidarität vermissen lassen.

Gelingende Paarbeziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine gemeinsame Sache in den Mittelpunkt stellen. Erfolg und Zusammengehörigkeit leiten sich aus dieser gemeinsamen Sache ab und nicht umgekehrt. Die Sache ist bei Baerbock und Habeck die grüne Partei und mehr noch die Ausrichtung der Politik auf Klimaschutz, so dass alles andere, Wohlstand, Freiheit und Sicherheit auf diesem Fundament aufbaut. Bei den beiden Unionskandidaten gibt es offenbar keine gemeinsame Sache. Sonst müsste es zwischen ihnen um mehr gehen als nur darum, wer am Ende wen weggebissen hat.

Der Erfolg der Partei der Grünen besteht nicht zuletzt darin, dass Umweltpolitik längst zum Allgemeingut geworden ist. Keine zukunftsorientierte Partei kommt ohne grüne Politik aus. Doch die Grünen sind immer noch das Original und die treibende Kraft.

Das Problem der Union besteht darin, dass ihr Kernbestand, ein irgendwie ins Moderne und Fortschrittshafte gewendeter Konservatismus, von den Grünen inzwischen glaubhafter repräsentiert wird als von der Union selbst. Die Inszenierung der Kanzlerinnenkandidatur von Annalena Baerbock machte das sichtbar: Die etwas biederen Bilder von Familienglück mit Großmutter und Enkelkind, die den grünen Bühnenhintergrund schmückten, kennt man doch eigentlich von Wahlplakaten der CDU.

Wenn aber das Familienglück die Partei gewechselt hat, dann sind die Grünen mehrheitsfähig. Die klassische Familienstruktur mit Vater und Mutter als Vorstand ist im Prinzip der Doppelspitze bereits aufgehoben. Noch endet dieses Prinzip bei der Kandidatenfrage. "Am Ende kann es nur eine machen", sagte Robert Habeck. Warum eigentlich? Wenn sich die Doppelspitze für die Partei bewährt hat, warum dann nicht auch in der Regierung? So wie die Grünen aufgestellt sind, haben sie nicht nur die jüngste Kandidatin aller Zeiten, sondern auch das erste Kanzleramts-Team. Da müssen sich Söder und oder Laschet in jedem Fall weiter hinten anstellen.
Jörg Magenau, rbbKultur

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.