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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Klima-Solidarität

Wir müssen mehr für das Klima tun. Das hat das Verfassungsgericht entschieden. Wenn man es mal ganz symbolisch betrachtet, dann ist das auch ein Schulterschluss älterer Männer mit jüngeren Frauen, meint Kolumnistin Heide Oestreich. Und das können wir gerade mal ganz gut gebrauchen.

Der Sieg vor dem Verfassungsgericht trägt das Gesicht einer jungen Frau: Luisa Neubauer, Medienprofi der Jugendbewegung Fridays for Future, ist die bekannteste der Kläger*innen, denen Karlsruhe gestern im Wesentlichen Recht gegeben hat. Das Geschlecht ist in diesem Fall nicht so ganz egal. Fridays for Future ist die erste Jugendbewegung, an deren Spitze eher Frauen als Männer zu finden sind. Womöglich ein Grund, warum den Kritiker*innen der Bewegung das Wort Klima-"Hysterie" besonders schnell einfiel. Hysterische Weiber, ein unauslöschliches Bild in unserem symbolischen Repertoire.

Jetzt haben, um mal symbolisch zu bleiben, die alten Männer den jungen Frauen Recht gegeben. Sie wissen, wie ich das meine. Gerichte sind lange Zeit Domänen gesetzter Herren gewesen, in unseren Köpfen sind Richter oft noch automatisch Männer.

Ein Paukenschlag, so fassten die Kommentator*innen das Urteil gestern auf. In erster Linie, weil das Verfassungsgericht der Politik selten so eindeutig Beine macht wie diesmal. Aber es ist auch ein Paukenschlag, weil es die Versprechen, die unsere Verfassung den Kindern gibt, so ernst nimmt, dass es diesen drastischen Schritt wählte.

Wessen Grundrechte sind in einem Konfliktfall wichtiger? Wie so etwas in der Politik meistens ausgeht, wissen wir: Da gibt es die alteingesessen Lobbys mit festen Kanälen. Die sind meist männlich dominiert – und sie prägen auch den Diskurs. "Es geht halt nicht so einfach, wie diese jungen Leute sich das vorstellen", so ähnlich hat sich das dann auch in großen Teilen der Öffentlichkeit festgesetzt.

Das Verfassungsgericht ist sicher auch nicht frei von diesem Diskurs. Aber es hat eben den Verfassungstext als Korrektiv. Und da sind die Rechte von Leuten enthalten, die der Diskurs oft mal nicht so wichtig nimmt. Kinder, Jugendliche, Frauen. Auch die großen Urteile zu Frauenrechten waren Paukenschläge und für manche Menschen schwer zu glauben: Die Verfassung erlaubt unter bestimmen Umständen die Bevorzugungen von Frauen mittels Quote, das geht manchen bis heute nicht in den Kopf. Auch so eine Verbündung der Männer mit den Frauen.

Jetzt geht das Hauen und Stechen darum los, wie das Urteil umzusetzen ist. Aber trotzdem ist es ein Urteil, das eint. Dieser Schulterschluss der alten Männer mit den jungen Frauen ist ein Akt der Solidarität, der uns im Moment nur gut tun kann.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.