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Benin-Bronzen gehen zurück an Nigeria - Kulturstaatsministerin Grütters erfreut über beschlossene Rückgabe der Benin-Bronzen

Deutsche Museen werden im nächsten Jahr damit beginnen, die Benin-Bronzen an Nigeria zurückgegeben. Unter Leitung von Kulturstaatsministerin Grütters fiel der Beschluss gestern bei einem digitalen Spitzentreffen mit Museumsexperten und politisch Verantwortlichen. Auf rbbKultur sagte Grütters, damit stelle sich Deutschland seiner historischen und moralischen Verantwortung, die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten.

rbbKultur: Frau Grütters, als historische Wegmarke wurde die Einigung gestern bezeichnet. Aber eigentlich ist mit der Rückgabe der Benin-Bronzen doch nur etwas beschlossen worden, das längst überfällig und selbstverständlich war?

Grütters: Wir haben trotzdem etwas Herausragendes geleistet. Wir haben mit allen Museen, in denen sich nennenswerte Bestände dieser Benin-Bronzen befinden, und ihren Trägern eine gemeinsame Haltung in Deutschland entwickelt - eine Art nationale Strategie, dass nicht mehr jedes Haus seins macht.

Das Ganze hat in sehr konstruktiver Atmosphäre stattgefunden, und wir haben uns auf ein konsequentes, koordiniertes Vorgehen der deutschen zusammen mit der nigerianischen Seite verständigt, bei dem es um substanzielle Rückgaben gehen soll. Das haben wir relativ kurzfristig verabredet. Deutschland könnte also das erste Land in der Benin Dialogue Group sein, das tatsächlich Bronzen zurückgibt. Wir stellen uns der historischen und der moralischen Verantwortung, aber es sind komplizierte Prozesse, auf die wir uns nun gestern verständigt haben.

rbbKultur: In Berlin gibt es einige Hundert dieser wundervollen Bronzen, die im Humboldt Forum ausgestellt werden sollten. Gehen diese jetzt alle nach und nach zurück?

Grütters: Tatsächlich haben wir uns zu zwei maßgeblichen Schritten verabredet: Bis Mitte Juni dieses Jahres wollen wir, da es eine Forderung auch aus der Wissenschaft und der nigerianischen Seite gibt, unsere Bestände auf einer Website öffentlich zugänglich zu machen. Viele Stücke sind digitalisiert, befinden sich aber auf den Websites der einzelnen Häuser. Jetzt wollten wir eine gemeinsame Website betreiben, damit es einfacher ist, sich ein Bild über die Bestände in Deutschland zu machen. Diese muss programmiert und finanziert werden – da sind wir kurz davor, das können wir ab Mitte Juni anbieten. Und dann wollen wir innerhalb des kommenden Jahres 2022 erste Rückgaben auch wirklich praktizieren.

Das hat es weltweit so noch nicht gegeben. Dafür war eine ganz wichtige Voraussetzung, dass das Auswärtige Amt auch mit Partnern in Nigeria ein koordiniertes Vorgeben verabredet hat: Dort gibt es jetzt den Legacy Restoration Trust, eine Gruppe mit zivilgesellschaftlichen Initiativen und politischen Autoritäten als Ansprechpartner.

rbbKultur: Gehört dazu auch das Museum in Benin City, das noch gar nicht fertig gebaut ist, in dem die Bronzen ausgestellt werden sollen? Wer bestimmt, welche Stücke zuerst zurückgehen?

Grütters: Das sind genau die komplexen und schwierigen Fragen, die ich aus der Politik natürlich unseren Expert*innen in den Museen überlasse. Wir haben herausragende Museumsdirektoren und es ist auch eine schöne Erfahrung, mit ihnen über diese Dinge zu sprechen. Da muss in der Tat der Dialog mit der nigerianischen Seite Aufklärung bringen. Das Auswärtige Amt hat jetzt eine Agentur für internationale Museumskooperationen gegründet – da geht es unter anderem auch um die Ausbildung zukünftiger Kurator*innen oder Museumsmanager*innen auch der jeweils anderen Seite.

Wir reden bei kolonialen Kontexten auch nicht nur über Benin, aber die Benin-Bronzen sind ein Prüfstein dafür, wie ernst es Deutschland mit der Aufklärung seiner kolonialen Vergangenheit meint. Das war schon lange ein blinder Fleck in der Geschichtsaufarbeitung. Es geht um Respekt voreinander, um Verständigung und um Versöhnung. Da könnten die Benin-Bronzen das erste sichtbare Ergebnis sein.

Sie fragten, wieviel nun zurückgeht. Man muss meiner Meinung nach die Nigerianer, die Benin-Verantwortlichen, fragen, wie sie sich Ausstellungen oder den Umgang mit diesen Stücken zukünftig weltweit vorstellen. Es muss auch darum gehen, ob und wie Benin-Bronzen als Teil des kulturellen Erbes der Menschheit künftig auch in Deutschland gezeigt werden können – und wenn es in Form von Leihgaben ist. Es geht schon um ein Hier und Dort.

rbbKultur: Es geht bei den Leihgaben aber schon um Originale? Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sagte, dass er nicht nur Replike in Ausstellungen haben möchte.

Grütters: Ich glaube, das möchte auch die nigerianische Seite nicht. Wir haben im Wege der Planung des Humboldt Forums auch mit anderen Herkunftsgesellschaften aus anderen Kontinenten oder anderen afrikanischen Staaten immer wieder erlebt, dass man stolz und dankbar ist, wenn die Kulturgeschichte in einem anderen Land – in diesem Fall in Deutschland – sorgfältig und in Abstimmung mit den Herkunftsgesellschaften so begeistert gezeigt wird. Die eigene Geschichte will man ja nicht nur zu Hause erzählen. Insofern bin ich zuversichtlich, dass wir auch viel von diesem kulturellen Erbe der Menschheit im Original zeigen können. Dazu gehört aber eben die Voraussetzung, sich auf Augenhöhe zu begegnen und die andere Seite zu fragen, wie sie sich das vorstellt.

rbbKultur: Diese Entscheidung wird sicher auch Folgen für andere Sammlungsbestände aus kolonialem Kontext haben. Auch hierzu hat sich Hermann Parzinger geäußert. Er hätte für den Umgang mit solchen Objekten am liebsten eine klare gesetzliche Regelung – einfach, um die Diskussion nicht an jedem Einzelfall neu führen zu müssen.

Grütters: Das kann ich verstehen, weil tatsächlich jedes einzelne Stück über das Finanzministerium - manchmal müssen dazu in einzelnen Bundesländern Parlamente beteiligt werden - aus dem Bestand ausgepreist werden muss. Ein Museumsdirektor kann nicht einfach, weil er es für richtig hält, etwas zurückgeben. Da sind komplizierte Prozesse mit verbunden. Dafür wollen wir jetzt ein Muster herstellen. Der gestrige Tag soll der Auftakt dazu sein, so etwas wirklich auch musterhaft in Deutschland zu besprechen und auch zu praktizieren.

Auf der anderen Seite sind es auch sehr häufig sehr schwierige Gruppen - es sind nicht immer einzelne Personen oder politische Autoritäten - mit denen man redet. Wir sagen ja zu Recht: Herkunftsgesellschaften – auch im Plural. Das ist kompliziert und wir möchten jetzt so etwas wie eine Roadmap, ein Musterbeispiel, wie es auch in anderen Fällen gehen könnte, erstellen.

Jedenfalls ist Deutschland zu Rückgaben bereit, das möchte ich noch einmal sagen, und wir haben auch schon sehr viel zurückgegeben. Das ist nicht der erste Fall, aber es wäre ein Auftakt bei den Benin-Bronzen.

Das Gespräch führte Ev Schmidt, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Gespräch können Sie als Audio nachhören.

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