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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Gendersprech und Neusprech

Wollen Sie ein lahmes Gespräch in weniger als einer Sekunde von Null auf 180 bringen? Dann sagen Sie einfach ein Wort mit Genderstern. Ob das Gespräch dann angenehmer wird, ist allerdings eine andere Frage. Die Hamburger CDU möchte nun Klarheit schaffen und zumindest den Behörden "grammatisch falsche Gender-Sprache" verbieten lassen. Hamburg, das ist diese tolle Stadt, in der man schwierige Sachverhalte einfach verbieten kann, meint Heide Oestreich.

Oh, wie gut ich das verstehe, dass Menschen keine Lust auf den Genderstern haben: Mir wurde dieses kleine fummelige Dings auch nicht in die Wiege gelegt, obwohl ich mich doch Feministin schimpfe. Mühselig hacke ich mir eine Lücke in meine Politiker*innen und natürlich auch in die Schwerverbrecher*innen, denn gerecht muss es zugehen – und alle drei Sätze hab ich es dann doch vergessen und fühle mich un-woke und dumpfbackig.

Das Verrückte: Es ist fast noch schlimmer, wenn ich es nicht vergesse und die Menschen sprachlich zerteile, um Platz für bisher Ent-Erwähnte zu schaffen. Dann nämlich weiß ich, dass mindestens die Hälfte meiner Gesprächspartner*innen sich von mir gegängelt und bedrängelt fühlt mit etwas, das sich für sie anhört wie das berühmte Neusprech aus Orwells 1984.

Deshalb verstehe ich auch komplett, dass man da aggro wird. Und denkt: Hau weg den Sch… Was wollen die überhaupt, ging doch bisher auch, ich glaub, es hackt und, und, und. Und deshalb bin ich umso mehr erstaunt, dass infratest dimap herausfand, dass ein gutes Drittel der repräsentativ Befragten hierzulande eine geschlechterneutrale Sprache befürwortet. Sogar 16 Prozent der AfD-Anhänger*innen sind für Gendersterne und Binnen-Is!

Natürlich schreiben die Medien das nun andersherum auf. Eine Mehrheit ist gegen… und so weiter. Aber das ist nicht die News. Wenn schon jemand wie ich, die voll und ganz sieht, wie wir mit unserer Sprache Menschen ausschließen, ja, die sogar am eigenen Leib erfahren hat, wie das ist, wenn man in Gesprächen quasi Luft ist, Probleme mit diesen Formulierungen hat – dann ist die News, dass satte 35 Prozent mich trösten: sogar für Gender-Legastheniker*innen wie Dich, Heide, wird es einfacher werden, wenn immer mehr Leute nach den Sternchen und Löchern greifen.

Wir sind Gewohnheitstiere. Wir wehren uns, wenn sich etwas verändern soll. Das ist das Normale. Das Ungewöhnliche ist, wenn eine Petra Gerster und eine Anne Will es über sich bringen, in Mainstream-Sendungen kleine subversive Löcher in ihre Worte zu stechen.

Das Normale ist auch, dass dann eine konservative Partei auf Profilsuche anspringt und eine Verbotsforderung raushaut, wie jetzt die CDU in Hamburg. Leider behauptet sie in demselben Beschluss, in dem sie die weitere sprachliche Ausgrenzung von Frauen und Minderheiten fordert, dass sie gegen Ausgrenzung sei. Schön wäre es natürlich, wenn man die deutsche Grammatik schonen könnte - und trotzdem nicht diskriminieren.

Auch schön, dass wir alle mit tausend Spracherfindungen über eine Lösung nachdenken – nur die CDU Hamburg nicht. Seliges Hamburg, in dem man ein schwieriges Problem einfach verbieten kann.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.