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20 Jahre nach dem Barenboim-Eklat in Jerusalem - Koscher-Stempel für Richard Wagner?

Heute vor 20 Jahren dirigierte Daniel Barenboim in Israel Richard Wagners Vorspiel zu "Tristan und Isolde". Ein Tabubruch. Türen knallten einerseits, andererseits waren viele im Publikum begeistert. Er würde nie Musik dirigieren, die antisemitisch sei, so die Erklärung des Maestro. "Warum kümmert Euch Deutsche, dass die Israelis keinen Wagner spielen? Wollt Ihr Wagner einen Koscher-Stempel aufdrücken?" fragte der Weimarer Professor für Musikwissenschaften, Jascha Nemtsov. Wie sieht er Barenboims Konzert heute? Maria Ossowski berichtet.

Der Pianist Jascha Nemtsov zu gast im kulturradio vom rbb; Foto: gb
Jascha Nemtsov | Bild: Gregor Baron

Die Türen knallten in der ersten Minute des "Tristan"-Vorspiels heute vor 20 Jahren in Jerusalem. Es war die letzte Zugabe des Konzerts der Staatskapelle Berlin mit ihrem Chefdirigenten Daniel Barenboim. Vorangegangen war eine längere Auseinandersetzung. Die Direktoren des Israel Festival hatten dem Programm mit dem ersten Akt von Wagners "Walküre" ursprünglich zugestimmt, baten dann aber um Änderung eben wegen Wagners Antisemitismus.

Daniel Barenboim änderte alles - nur kam dann die letzte Zugabe. Er erinnert sich im Bayerischen Rundfunk in Bayreuth an das Konzert, an sein Angebot an das Publikum und an eine hitzige Debatte:

"Der Saal war rammelvoll. 3.000 Menschen. Dann am Ende habe ich gesagt: Okay, wir werden uns alle nicht einigen. Diejenigen von Ihnen, die das nicht hören wollen, habt schon ein ganzes Konzert und eine Zugabe gehört. Wenn Sie Wagner nicht hören wollen: die Türen sind offen. Von 3.000 Menschen sind weniger als hundert weggegangen."

Diese allerdings unter Protest, entstanden aus Respekt mit den Überlebenden. Jascha Nemtsov, Professor an der Musikhochschule Weimar, sieht Barenboims Auftritt recht kritisch:

"Das ist eine Missachtung, und so sehe ich eigentlich auch diese Art, Wagner in Israel einzuführen durch Barenboim damals. Ich weiß nicht, was er damit beabsichtigte. Dachte er, wenn die Leute das tatsächlich erst öffentlich hören würden, dann finden Sie das schön und werden das dann später von sich aus auch hören? Ich glaube, wenn er sich das so vorstellte, dann ist es wahrscheinlich zumindest etwas naiv."

Daniel Barenboim:

"Wenn ich den Antisemitismus in der Musik spüren würde, würde ich keinen Ton davon dirigieren. Ich glaube, das ist alles Literatur über."

Literatur über. Kein Komponist hat je so viel Ideologisches verfasst wie Richard Wagner. Bändeweise hat er alles erläutert, was er komponierte. Wagner war ein glühender Antisemit. Seine Schmähschrift über die Juden in der Musik hat Hitler ebenso beeindruckt wie Wagners Werke.

Zu trennen sei dies nicht, so Jascha Nemtsov. Ihn wundere nur, warum wir uns hier in Deutschland so aufregen, dass Wagner in Israel nicht gespielt wird:

"Israel ist weit weg, es ist ein kleines Land. Und diese Menschen, die Wagner lieben und verehren und geradezu von Wagner besessen sind – es gibt ja etliche solche Leute - die wollen von den Juden eine Art 'Koscher-Stempel' für ihre Liebe und für ihren Lieblingskomponisten. Und den bekommen sie nicht. Und das stört, weil man natürlich nicht einfach gerne einen Komponisten lieben möchte, mit dem die Juden ein Problem haben."

Wagner in Israel vor 20 Jahren: Einerseits ein Affront, andererseits aber auch bejubelt. Die Zuhörer*innen, die den Saal nicht verlassen haben, waren begeistert. Bis heute gehört es dennoch zum guten Ton, Wagner in Israel auf kein Konzertprogramm zu setzen.

Maria Ossowski, rbbKultur

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