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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Oben ohne für alle ?

Am Samstag startet die Hedonistische Internationale eine Oben-Ohne-Fahrraddemo in Kreuzberg. Anlass: an einem Wasserspielplatz im Plänterwald war eine barbusige Mutter, die dort mit ihrem Sohn spielte, des Platzes verwiesen worden – eine Diskriminierung, wie nicht nur sie fand. Nun heißt es "Free the nipple", die Sektion "Wilde Möpse" ruft zum Mitradeln auf. Unsere Kolumnistin lässt ihr T-Shirt lieber an.

Ach, ich mag diese transgressiven Akte: Wilde Möpse, Free the nipple, gleich wird einem in Gänze wild und frei zumute. Den Spießern mal richtig ins Gesicht hupen. Und: Gleiche Rechte für alle Brüste, das ist ja wohl ein ehrenwertes Anliegen, oder etwa nicht?

Ja. Aber. Männliche und weibliche Brüste sind übrigens anatomisch tatsächlich gleich gebaut. Und so mancher Mann hat obenrum sogar mehr zu bieten als manche Frau. Nur geht es hier nicht nur um Biologie. Sondern auch um unseren Blick auf diese Biologie. Und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber bei mir stellen sich beim Blick auf so eine klassische Männer-Biertitte gänzlich andere Fantasien ein als beim Blick auf eine Frauenbrust.

Um genau zu sein folgt in meinem Hirn auf den Gedanken an nackte weibliche Brüste relativ oft als nächstes der Gedanke an Sex. Also je nach Kontext, aber doch oft. Und ich schätze, so ganz allein bin ich mit dieser Gedankenfolge nicht. Viele Social Media-Plattformen sind ja deshalb so vorsichtig mit nackten Frauenbrüsten, weil sie sich nicht unversehens in Pornokanäle verwandeln wollen. Manche Brüste, etwa die biergeformten, lösen übrigens vielleicht auch Ekelgefühle aus. Kurz: Nackte Brüste lassen nur wenige Leute ganz kalt. Aber was folgt daraus für unseren öffentlichen Umgang mit ihnen?

Die Polizisten in Berlin fanden, dass die Brüste einer Frau an einem Wasserspielplatz die öffentliche Ordnung beeinträchtigen. Das ist ja nun eher niedlich. Und überhaupt: die Tatsache, dass man bei anderen Leuten Lust- oder Ekelgefühle hervorrufen könnte, eine "Ordnungswidrigkeit" zu nennen, das klingt, als habe Wilhelm Reich Pate gestanden bei diesem Gesetz. Der dachte, dass befreite Lust durchaus zur Weltrevolution führen könne. Lustigerweise wurde die Ordnungswidrigkeit tatsächlich 1968 erfunden, zeitgleich mit der sexuellen Revolution.

Also kurz gesagt: Dass Brüste ordnungswidrig sind, das kann weg. Insofern wünsche ich der Demo viele, viele barbusige Teilnehmende. Ich fahr trotzdem nicht mit. Ich will einfach selbst entscheiden, in wem ich wann unter Umständen doch recht starke Gefühle auslöse. Um die Brüste gleichzustellen, mach ich lieber mal Werbung für den Bikini für den Mann - vielleicht mit zwei hübschen Bierdosen drauf?

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.