Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes – die Folgen 32 bis 36

Täglich ein bisschen Proust, das ist auch gut für die Gesundheit, glaubt Doris Anselm inzwischen. Die Berliner Schriftstellerin begleitet uns mit ihrer wöchentlichen Kolumne durch den Roman. Passenderweise geht es im aktuellen Abschnitt auch um Gemeinsamkeiten zwischen Künstlern, Ärzten und vielleicht sogar ... Fitnesstrainern?!

Literarische Hausapotheke

Seit Januar hab ich einen Personal Trainer. Er selbst hätte sich niemals für den Job beworben. Aber: Dieser Marcel Proust, der sein Werk hauptsächlich in einem schallisolierten Zimmer schrieb und es hasste, vor die Tür zu gehen, sorgt dafür, dass ich mich fast täglich mindestens eine Dreiviertelstunde an der frischen Luft bewege. Okay, großen Anteil daran hat auch Peter Matić, der Sprecher des Hörbuchs.

Werktäglich laufe ich mit jeweils einer Folge Proust auf dem Ohr eine Route, die gerade so lang ist, dass ich ein paar schwierige Textstellen zweimal hören kann, und gerade so wohlbekannt, dass nichts meine Konzentration stört. Das ergibt dann ein echtes "full mind and body workout". Ja, ich verspreche mir gesundheitliche Vorteile, vielleicht sogar ein längeres Leben. Zeit gewinnen mit der "verlorenen Zeit" also.

Diese Woche sind meine Spaziergänge besonders flott und ein bisschen getrieben, wie mir aufgefallen ist. Im Roman macht die geliebte Großmutter des Erzählers ihren letzten Spaziergang. Alles, was danach kommt, ist nicht schön. Oder leider doch – weil es eben von Marcel Proust erzählt wird.

Ein Heimweg zu Fuß ist schon nicht mehr möglich, also ruft der junge Erzähler einen offenen Wagen. Die Großmutter hält sich neben ihm aufrecht, trotzdem werfen ihr Passanten "erstaunte" Blicke zu, weil, so Proust, "allen Vorübergehenden meine Großmutter in der Droschke […] wie etwas Untergehendes, in den Abgrund Sinkendes vorgekommen war, das sich noch verzweifelt an die Polster klammerte, die den stürzenden Körper kaum aufzuhalten vermochten […]. Sie hatte an meiner Seite ausgesehen, als sei sie schon halb versunken in jene unbekannte Welt".

Das lange Sterben der Großmutter wird dann für Proust ungewöhnlich körpernah und sogar drastisch erzählt, und auch mehrere Ärzte können es nicht mehr aufhalten. Einer von ihnen allerdings, überzeugt davon, dass der Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Krankheiten die Nase wäre, schafft es mit Hilfe seines verkeimten Untersuchungsbestecks noch, die ganze Familie mit Schnupfen zu infizieren.

Typisch Proust, dieses kleine Aufblitzen von Komik mitten im Tragischen.

Der junge Erzähler flüchtet sich vor seiner Trauer in die Lektüre eines neuen Autors, mit dem er zuerst fremdelt, aber: "[E]in originaler Künstler [muss] vorgehen wie etwa ein Augenarzt. Die Behandlung […] ist nicht immer angenehm. Wenn sie beendet ist, sagt der, der sie ausgeführt hat, zu uns: "Jetzt sehen Sie einmal! "Und nun kommt uns die Welt (die nicht einmal erschaffen wurde, sondern so oft, wie ein Künstler von persönlicher Eigenart aufgetreten ist) ganz anders vor als die frühere, jedoch überzeugend und klar."

Gefällt mir, der Vergleich – obwohl er in Kombination mit der Nasendoktor-Szene schon so wirkt, als ob der ewig kranke Artztsohn Marcel Proust eigentlich MEHR Vertrauen zu Schriftstellern hatte als zu Ärzten.

Doris Anselm, rbbKultur

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