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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Die Sehnsucht der Binären

"Good morning, ladies and gentlemen, this is your captain speaking!" - Mit dieser Begrüßung, die jeden dahergelaufenen Fluggast in Sandalen im Handumdrehen mit kosmopolitischem Schimmer versieht, ist es bei der Lufthansa bald vorbei. Die Airline hat sich entschlossen, so gründlich zu gendern, dass die Ladies und Gentlemen in den Fundus der Firmengeschichte wandern und ein schlichtes "Good morning and welcome on board – this is your captain speaking" oder ähnliche Formulierungen sie ersetzen werden. Und Heide Oestreich fragt sich, ob das mehr ist, als ein Tribut an den Zeitgeist.

Tschüss, meine Damen und Herren! Die Lufthansa will auch nicht-binäre Menschen ansprechen, also diejenigen, die sich keiner der zwei herkömmlichen Geschlechter zuordnen - oder auch beiden oder irgendwo dazwischen. Der Zug der Zeit, um mal eine klimafreundlichere Metapher zu wählen, fährt im Moment geradewegs in Richtung Inklusion diverser Menschen, zu denen natürlich auch die Nicht-Binären gehören. Und meine These ist: der Trend zum Nichtbinären, das ist nicht so eine crazy Mode aus den Unistädten in den USA, er wird anhalten.

Denn zum einen ist Inklusion zuvor ausgeschlossener Menschen etwas Urdemokratisches: Bei der Demokratie sollen alle mitmachen, ausnahmslos. Und zum anderen glaube ich, dass auch in allen binären Menschen eine stille Sympathie für das Nicht-Binäre wohnt. Sie spiegelt den Überdruss vieler Menschen an unseren ollen Geschlechterrollen wider, die wir in dieser Zweipoligkeit festbetoniert haben: Wer das eine ist, kann das andere nicht sein. Ätsch, kann man doch, zeigen die Nicht-Binären. Und das ist gut.

Unsere Handlungsfreiheit wird einfach größer, wenn wir das gesamte Verhaltensspektrum nutzen können, und nicht nur das, das angeblich zu unserem zugeschriebenen Geschlecht passt. Das betrifft Frauen, die keine Lust mehr haben, als herrisch und kalt angesehen zu werden, sobald sie mal ne klare Ansage machen, die jedem Mann zum Ruhm gereicht hätte.

Aber es betrifft auch Männer, die immer Angst haben müssen, dass sie in der Männerhackordnung degradiert werden, wenn sie mal vom Bild des leistungsfähigen Supercheckers abweichen. Solange das so ist, wird die stille Sehnsucht nach dem Nonbinären in dieser Gesellschaft nicht aufhören.

Schön, dass diese leise Sehnsucht geradewegs in eine demokratische Richtung wirkt. Allerdings passiert das nicht automatisch. Schließlich wird eine Gesellschaft immer anspruchsvoller und komplexer, je demokratischer sie wird, je mehr verschiedene Menschen mitmachen und je weniger man sie einfach in Großgruppen sortieren kann. Und das Komplexe ist anstrengend. Das lieben wir nicht.

Aber eine gute Möglichkeit, es uns schmackhaft zu machen, ist tatsächlich, an diese stille Sehnsucht zu rühren: Dass dann eben auch die eigene Komplexität und die eigene Besonderheit gezeigt werden kann. Gesehen und geschätzt werden wie man ist – auch wenn man diese und jene Rolle nicht perfekt erfüllt – das ist ein Bedürfnis aller Menschen. Diversität ist die Antwort auf dieses Bedürfnis. Und das macht sie – auf lange Sicht – unwiderstehlich.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.