Der ehemalige DDR-Wachturm Führungsstelle Schlesischer Busch © Jens Kalaene/dpa
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Unterwegs mit Michael Cramer - Der Mauer-Radweg - Teil 2: Von der Oberbaumbrücke bis zur Sonnenallee

Die zweite Etappe auf ihrer Tour auf dem Mauer-Radweg führt Michaela Gericke und Michael Cramer von der Oberbaumbrücke in Friedrichshain-Kreuzberg bis zur Sonnenallee in Neukölln.

Am 13. August 1961 begann der Mauerbau, also die nahezu unüberwindbare Teilung Berlins. 40 km lang war der Grenzstreifen in Berlin, 120 km zwischen Berlin und Brandenburg. Seit 20 Jahren ist der ehemalige Grenzstreifen nun ein größtenteils fahrradfreundlicher Weg, auf dem inzwischen schon tausende Räder rollten.

Michael Cramer, ehemaliger verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, erst in Berlin, dann im Europäischen Parlament, hat gleich nach dem Mauerfall gefordert und schließlich mitgeholfen, diesen Radweg zu realisieren. Mit seinem – inzwischen mehrfach kopierten – Angebot macht er Geschichte, Kultur und Natur erfahrbar.

Michaela Gericke hat Michael Cramer auf dem Mauer-Radweg begleitet.

Am May-Ayim-Ufer

Wir sind an der Oberbaumbrücke am westlichen Ufer der Spree – gegenüber der East Side Gallery – vom Rad abgestiegen.

Michael Cramer: ".... diese Straße ist umbenannt worden in May-Ayim-Ufer."

May Ayim, die 1960 geborene Dichterin und Aktivistin der antirassistischen, afrodeutschen Bewegung, war die Tochter eines ghanaischen Medizinstudenten und lebte bis zu ihrem Selbstmord 1996 in Berlin.

Michael Cramer: "In der Hochphase des deutschen Kolonialismus wurde das Ufer nach Otto Friedrich von Groeben benannt, dem ersten Bandenburgischen Colonial-Gouverneur."

Von Groeben hatte an der Küste des damaligen Westafrika, heute Ghana, die Kolonie Groß Friedrichsburg errichtet, mit einer Festung, die bis 1717 ein Stützpunkt für den Sklavenhandel war.

Michael Cramer: "Dass noch so einem Menschen die Straße benannt wird, wollten wir natürlich nicht."

Im Mai 2009, 13 Jahre nachdem May Ayim sich in den Tod gestürzt hatte, beschloss die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg die Umbenennung der Straße.

Ein Wachturm im Schlesischen Busch und Erinnerungen an den Liedermacher Kalle Winkler

Wir fahren weiter die Schlesische Straße entlang Richtung Treptow, biegen rechts ein in einen Stadtpark, den Schlesischen Busch, wo es einen der wenigen erhaltenen Wachtürme gibt. Der eckige, fünfgeschossige Grenzturm wurde Anfang der 1990er Jahre zum "Museum der Verbotenen Kunst" umgestaltet.

Michael Cramer: "Zu verdanken ist das dem Liedermacher und Oppositionellen Kalle Winkler. Der hatte sofort nach dem Fall der Mauer mit den Grenzsoldaten geredet und diesen Turm geschützt. Er steht heute noch und mittlerweile gibt es Veranstaltungen, die sich immer mit der Grenze auseinandersetzen - das finde ich ganz toll."

"Made in DDR. Liedermacher: unerwünscht" - so hieß das Buch, das Kalle Winkler 1985 veröffentlichte. Der Punk und DDR-Dissident wurde 1981 aus der Haft nach Westberlin entlassen. 1983 erzählte er im SFB Mittwoch-Forum:

"Ich bin mit meinen Liedern auf Bluesmessen und in FDJ-Klubs aufgetreten (...) und hatte deswegen schon recht früh Schwierigkeiten mit der Staatssicherheit. Es hieß dann in der Anklageschrift erst 'Staatsfeindliche Hetze', später war es dann der Paragraph 220 - 'Staatsverleumdung'. Dann wurde mir angedroht, dass ich nach meiner Haftentlassung - falls ich weiter in der DDR bleiben will - den 48er gekriegt hätte: Verbannung aufs Dorf, Arbeitsplatzbindung, Meldepflicht bei der Polizei. Ich hätte nicht mehr auftreten dürfen. Das war meine Entscheidung wegzugehen."

Kalle Winkler kam 1994 bei einem Badeunfall ums Leben.

Das Atelierhaus in der Mengerzeile

Wir radeln weiter durch den Park, am Landwehrkanal entlang bis zur Harzer Straße, der Grenze zwischen Alt-Treptow in Ostberlin und Neukölln im Westen. Von hier geht die Mengerzeile ab. Die Nummer 1 bis 3 ist heute ein gerettetes Atelierhaus mit Künstlern und Künstlerinnen aus aller Welt. Inzwischen ist es dicht umgeben von Neubauten. Bis 1989 wurde das direkt an der Mauer stehende Gebäude – einst eine Klavierfabrik – vom VEB Deutsche Schallplatten als Verkaufsstelle und Lager genutzt.

Michael Cramer:"Wir hatten damals die Idee, dass da, wo die Mauer stand, nicht nur ein Radweg, sondern auch eine Kupferplatte die Mauer markieren soll. Das war wohl zu teuer, dann hat der Senat daraus eine doppelte Kopfsteinpflasterreihe gemacht."

Michael Cramer deutet auf den doppelten Kopfsteinpflasterstreifen in der Heidelberger Straße. Der zeichnet den Grenzverlauf nach und ohne ihn wüssten wir – auch wegen der engen neuen Bebauung – kaum noch, wo die Grenze einst verlief. An der nahe gelegenen Elsenstraße flohen 1962 55 Menschen durch einen Tunnel. Sie blieben unentdeckt und unversehrt.

Vom Heidekampgraben weiter bis zur Sonnenallee

Wir kommen auf die Kiefholzstraße und halten am Anfang des idyllischen Heidekampgrabens.

Michael Cramer: "Der Heidekampgraben war der Grenzfluss zwischen Neukölln und Treptow. Hier ist ein Mahnmal, das an die 15 erschossenen Flüchtlinge erinnert, darunter waren zwei Kinder - ein 10- und ein 13-Jähriger. Der 10-Jährige wollte zu seinem Vater, der in Westberlin lebte. Es wurde alles geheimgehalten. Die Lehrerin hat dann erst nach dem Fall der Mauer davon erfahren."

3,60 Meter hoch ist die Metallarbeit des Bildhauers Jan Skuin und seines Kollegen Rüdiger Roehl. Sie symbolisiert die genau so hohe Mauer. Skuin hatte selbst versucht, die Grenze zu überwinden und kam dafür ins Gefängnis.

Der Radweg entlang der einstigen Mauer ist hier besonders gut befahrbar und bis zum S-Bahnhof Köllnische Heide nahezu idyllisch. Auch dahinter geht es auf dem asphaltierten Weg weiter bis zur Sonnenallee. Wo einst der Grenzübergang war, erinnert eine Tafel seit dem Frühjahr 1993 an die Maueröffnung zwischen Treptow und Neukölln am 9. November 1989.

Michaela Gericke, rbbKultur

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