Mehr Hitzetote durch Klimawandel © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
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Mehr Hitzetote durch den Klimawandel? - "Wir Nordeuropäer müssen mehr wie die Menschen am Mittelmeer werden"

In Deutschland gab es in den vergangenen Jahren laut einer Studie der WHO und Weltbank weit mehr Hitzetote als in anderen Ländern der Welt. 2018 etwa waren es rund 20.200 Todesfälle bei über 65-Jährigen im Zusammenhang mit Hitze. Noch nicht eingerechnet sind neuartige Krankheiten, die aus den Tropen zu uns exportiert werden. Die Zahl der Hitzetoten steigt - besonders gefährdet sind Kinder, alte Menschen und Kranke. Diesem Thema hat sich das anthroposophische Krankenhaus Havelhöhe in Berlin angenommen. Wir sprechen mit Dr. Christian Grah, dem Leitenden Arzt und Spezialisten für Hitzefolgeerkrankungen.

rbbKultur: Herr Dr. Grah, wer ist denn ganz besonders von den Folgen der Hitze betroffen? Vor allem ältere Menschen über 65 Jahren?

Grah: Das ist in der Tat eine der großen Risikogruppen. Und diese Gruppe wird in den nächsten Jahren ja größer werden. Insofern ist es besonders wichtig, an sie zuerst zu denken. Aber für mich als Lungenarzt ist es ganz besonders wichtig, alle Kranken in den Blick zu nehmen, denn die sind tatsächlich die besonders Gefährdeten – und meine Patientengruppe, die Lungenkranken, in ganz besonderem Ausmaß. Deswegen engagiere ich mich für dieses Thema und wir versuchen, es in alle Gesundheitsrichtungen hineinzubringen. Das schleichende Thema Hitzefolge vom menschengemachten Klimawandel, das müssen wir alle erst besser verstehen lernen. Hitzeperioden kennen wir alle, das ist nichts Neues. Was ist neu? Das ist die große Frage.

rbbKultur: Was ist denn neu?

Grah: Dass es stärker, häufiger und länger wird und dass wir in Regionen der Welt Hitze jetzt schon erleben und in Zukunft noch stärker erleben werden. Dass wir das, was wir Adaptation nennen, also die Anpassung an regionale Bedingungen, neu lernen müssen. Wir müssen in unserem Lebensstil etwas neu lernen, damit wir mit diesen wirklich gesundheitsgefährdenden Situationen anders umgehen. Wir Nordeuropäer müssen ein bisschen mehr wie die Menschen am Mittelmeer werden.

rbbKultur: Das heißt, wir machen jetzt auch mittags Siesta? Das kann doch wohl nicht ausreichend sein. Was sollten wir vor allem lernen?

Grah: Es ist tatsächlich so, dass wir es in Nordeuropa überhaupt nicht gewohnt sind, mittags ein bisschen runterzufahren. Das können wir aber von den Südländern sehr gut lernen. Das hat am Ende nicht nur die Konnotation, dass wir weniger arbeiten wollen - es ist gesundheitsgefährdend, bei 30 Grad oder noch höheren Temperaturen im normalen Modus weiterzumachen.

Auf der anderen Seite müssen wir sehr genau gucken, wie wir in welcher Risikogruppe etwas tun müssen. Wenn es über 30 Grad wird, geht der Kreislauf in einen ganz anderen Arbeitsmodus über. Wir müssen vor allen Dingen regelmäßig trinken - auch dann, wenn wir keinen Durst empfinden. Wir müssen eigentlich immer irgendwo eine Flasche oder ein Glas Wasser haben und zu allen Stunden mindestens 200 Milliliter Wasser trinken. Das ist schnell gesagt, aber wenn man sich selbst mal beobachtet, ist es gar nicht so einfach, das auch zu tun.

rbbKultur: Das Entscheidende ist also, pro Stunde am Tag 200 Milliliter Wasser zu uns zu nehmen?

Grah: Ja, das ist richtig. Das ist natürlich abhängig von der Hitze und von unserer Tätigkeit. Wenn es richtig heiß ist und gesunde Menschen im Freien arbeiten, dann ist die Sache nochmal eine ganz andere. Wir Menschen schwitzen, das können die Tiere nicht. Das ist unsere Überlebenstechnik in Hitzephasen. Wenn es entsprechend heiß ist, schwitzen wir vier Liter pro Stunde. Das heißt, wir müssen noch eine ganz andere Menge trinken. Wer in einem geschlossenen Raum ist, kann natürlich mit 200 Millilitern auskommen.

Was ich noch ergänzen will: Wir müssen uns andere Lüftungskonzepte angewöhnen. Wir sind gewohnt, die Fenster aufzureißen, wenn es heiß ist. Auch das können wir von den Südländern lernen: Wir müssen morgens die Fenster und Vorhänge schließen und konsequent alles zumachen und dafür sorgen, dass die indirekte Hitzestrahlung nicht in unsere Räume kommt.

rbbKultur: Lassen Sie uns noch über das Thema Stadtentwicklung sprechen. Müssten sich Mediziner wie Sie da nicht noch viel stärker einmischen?

Grah: Danke – das ist eine Steilvorlage. Das ist das "Megathema" beim Klimawandel und bei den dringend entgegenzusteuernden Problemen. Die Menschheit entwickelt sich zunehmend in eine urbane Gesellschaft. Das heißt, im Moment sind es über die Hälfte von uns siebeneinhalb Milliarden Menschen, die in Städten leben. Das wird noch weiter zunehmen. Wir werden in 20 Jahren zwei Drittel sein. Wir sollten auch erwähnen, dass Kinder eine große Risikogruppe sind, für die wir mitdenken müssen. Für die Alten, für die Kranken und für die Kinder.

Insbesondere in den Innenstädten entstehen Hitzeglocken - das kann in einem Straßenzug anders sein als im anderen. Wir müssen genau gucken und uns auch gegenseitig darauf aufmerksam zu machen: Wo sind besondere Gefahrenpunkte? Natürlich müssen Städteplaner mit uns Medizinern zusammen ganz neu denken: Wie sind Lüftungsverhältnisse in Großstädten? Wie sind Bauvorhaben darauf anzupassen?

Der Klimawandel ist da – und auch wenn wir alles tun müssen, sofort gegenzusteuern, müssen wir bereits mit den Schäden umgehen lernen. Das heißt, wir müssen in unseren Städten ganz konsequent reagieren. Was auch mit der Mobilität zu tun hat, die ist nicht unerheblich. Wenn wir in der falschen Mobilität unterwegs sind, ist, entstehen auch wieder Hitzefolgeschäden.

Diese schleichende Veränderung erleben wir nicht so wie die Hochwasserkatastrophe. Da wissen jetzt alles, dass das ganz schlimm ist. Aber diese Perioden der Hitze, in denen diese Übersterblichkeit entsteht, die sind für uns alle schwer zu kapieren. Deswegen ist es sehr wichtig, dass wir darüber reden und uns deutlich machen: Menschen sterben, wenn es heiß wird. Und wir können verhindern, dass es immer noch schlimmer wird, wenn wir jetzt handeln und gegensteuern.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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