Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes – die Folgen 42 bis 46

Unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm, die mit uns Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" liest, freut sich diese Woche besonders über die Marotten der Adeligen im Roman.

Ein Bergwerk namens Ivanhoe

Wahrscheinlich kann man sich selbst nicht ganz ernst nehmen, wenn man "Graf Hannibal de Bréauté-Consalvi" heißt. Und bestimmt liegt es an solchen Namensgirlanden, dass Adelige einander im Privaten gern mit kindischen oder absurd abgekürzten Spitznamen anreden, davon hatte ich schonmal gehört.

Marcel Proust, der in Sachen Aristokratie ständig lustvoll zwischen Faszination, Befremden, Spott, Neid und Verehrung herumtänzelt, hatte erkennbar Spaß dabei, sich jede Menge solcher Namens-Kreationen für seinen Roman auszudenken. Die bekommen wir diese Woche serviert.

Als Erzählstimme gibt Proust sich zunächst verständnisvoll dafür, dass ein deutscher Fürst von Faffenheim unter seinen französischen Freunden nur noch als "Von" firmiert.

"Weniger begriff man", so Proust weiter, "weshalb 'Elisabeth' bald durch 'Lili', bald durch 'Bebeth' ersetzt werden musste […]. Man kann sich erklären, dass vorwiegend müßige und oberflächliche Menschen sich die Bezeichnung 'Quiou' angewöhnt haben, um mit dem Aussprechen des Namens 'Montesquiou' nicht ihre Zeit zu vergeuden. Aber man sieht weniger ein, dass sie viel dabei gewannen, wenn sie einen ihrer Vettern 'Dinand' anstatt Ferdinand nannten. Zwei Schwestern, die Gräfin von Montpeyroux und die Vicomtesse de Vélude, die ungemein umfangreich waren, hörten sich […] als 'Kleinchen' und 'Liebchen' bezeichnet."

Proust präsentiert noch mehr solcher Kreationen, und gerade in dem Moment, als der Roman dann wieder ein bisschen in die Handlung einsteigt, setzt er seine Schlusspointe: Der Erzähler wird dem Fürsten von Agrigent vorgestellt, und zwar mit den Worten "Wie, Sie kennen den trefflichen Grigri noch nicht!"

Dem Fürsten von Agrigent ist es nebenbei ziemlich egal, ob sein Name schön oder hässlich ist, er schätzt einfach nur die handfesten Vorteile des Adelstitels. Und zwar, so Proust, "in der Weise, wie ein Bankier sich freut, zahlreiche Aktien eines Bergwerkes zu besitzen, ohne sich im Geringsten darum zu scheren, ob dies Bergwerk den hübschen Namen 'Ivanhoe' oder 'Primrose' trägt oder nur einfach als 'Schacht 1' bezeichnet wird."

Das ist echt interessant, denn damit ist der treffliche Grigri eine im Roman bisher recht seltene Hybrid-Figur. Normalerweise hält Proust die zu Banken und Bergwerken gehörige ruppig-rechnende Mentalität schön sauber getrennt von der hochfeinen Umgangsform seiner Adeligen – verbunden nur durch den leisen Strom des Kapitals.

Seine Lieblingsfamilie, die alt-ehrwürdigen Guermantes, sind geradezu Übermenschen. Ihr unfehlbarer Geschmack äußert sich nicht nur bei Dingen, sondern vor allem in Situationen: Wahrhaft Adelige spüren überall sofort, wie man sich richtig verhält. Proust schwärmt davon – und gibt ihnen doch keine moralische Oberhand gegenüber dem rechnenden, berechnenden Bürgertum.

Am Ende führt er die vordergründig so verschiedenen Mentalitäten fast schon zusammen, mit dem Sprache gewordenen Schulterzucken: "… denn man kann nichts ändern am Alter der Familie, und Erdöl wird immer gebraucht."

Doris Anselm, rbbKultur

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