Der feine Unterschied | Heide Oestreich E24 © rbb/Gundula Krause
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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Der Heid-Ö-Mat

Die Wahlen rücken näher und vielleicht sitzen Sie auch schon vor den Briefwahl-Unterlagen – wie Heide Oestreich? Sie hat sich durch verschiedene Wahl-O-Maten geklickt, auf der Suche nach Orientierung und war nicht zufrieden. Am Beispiel des Heid-Ö-Maten, den sie selbst entwickelt hat, können Sie schnell sehen, warum.

Warum der Wahl-O-Mat mir die Tierschutzpartei empfiehlt, bleibt das Geheimnis des Wahl-O-Maten. Tiere kamen in den Fragen eigentlich gar nicht vor. Beim Musik-O-Maten stimmt mein Musikgeschmack am ehesten mit dem der FDP überein – und wenn ich die Wahl-Traut anwerfe, den feministischen Wahl-O-Maten, kommen – wenig überraschend - die Grünen heraus, offenbar immer noch die feministischste Partei von allen.

Aber Sie sind ja vielleicht nicht so ne Hardcore-Feministin wie ich. Und das liegt natürlich an Ihrer persönlichen Situation. Deshalb habe ich für Sie den Heid-Ö-Maten entwickelt, mit dem Sie ihren persönlichen Feminismus-Grad ermitteln können und die dazugehörige Partei.

Hier zwei Proben aus dem Heid-Ö-Maten, am Beispiel zweier besonders typischer rbbKultur-Hörer*innen, die ich natürlich frei erfunden habe:

Beispiel 1
Nummer eins: Sie sind: ein Mann. Großvater. mit drei Enkelchen, Sie haben eine gute Beamtenpension und ärgern sich über das alberne Gegendere. Klarer Fall, Sie können einfach CDU wählen.

Es sei denn, es ärgert sie genauso, dass ihre Tochter nach den Kindern beruflich gar nicht mehr Tritt fassen konnte und deshalb jetzt nach der Scheidung von dem Idioten zu wenig Geld hat.

Dann sollten Sie es mit der SPD versuchen, die ein Rückkehrrecht in Vollzeit für Eltern im Programm hat: Mit der wäre ihre Tochter nicht in die Elternzeit-Falle geraten. Falls sie darüber altersradikal geworden sind: Linkspartei: 30-Stundenwoche für alle - Ihre Tochter hätte gar nicht so lange Elternzeit machen müssen - und Mietendeckel: Alle Probleme Ihrer Tochter sind gelöst.

Falls Sie es aber ganz gernhaben, dass Ihre Tochter nun wieder viel bei Ihnen aufkreuzt: Bleiben Sie bei der CDU.

Beispiel 2
Sie sind weiblich, voll berufstätig in einer Führungsposition, haben keine Kinder – und Ihr langjähriger Partner hat Ihnen neulich eröffnet, dass er nun doch eine Familie gründet- mit Silke, 10 Jahre jünger als Sie.

Sie werden darüber radikalfeministisch und wählen nicht mehr die SPD und die CDU abwechselnd, sondern studieren erstmals das Programm der Grünen, weil Frauen grundsätzlich mehr zu sagen haben sollten. Und die Grünen wollten doch alles quotieren, oder? Genau!

Aber mit einer Frauenquote in Ihrem Unternehmen bekämen Sie ja jede Menge Konkurrenz! Sie wären nicht mehr die schillernde Frau, die sich allein gegen die Männer behauptet hat! Wenn Sie so denken: FDP!

Wenn Sie aber überlegen, dass die Konkurrenz Ihnen gar nichts mehr ausmacht, weil Sie fest im Sattel sitzen – stattdessen könnten Sie auch mal kürzertreten und gucken, was Sie im Leben noch so wollen? SPD, da wollte Andrea Nahles mal ein Recht auf Sabbatical für alle – und wer weiß, ob Andrea Nahles nicht mal wieder an entscheidender Stelle auftaucht.

Zudem fragen Sie sich gerade, wie Sie eigentlich im Alter wohnen wollen, wenn Sie vielleicht echt allein bleiben? Linke! Nur wenn es billigen Wohnraum gibt, können Sie in einem interessanten Projekt leben – anstatt in so einem Reichenghetto für gutsituierte Senior*innen.

So, das Prinzip des Heid-Ö-Maten ist nun wohl klar. Die Grundvoraussetzung zur Nutzung des Heid-Ö-Maten will ich Ihnen aber nicht unterschlagen: Sie dürfen sich exakt nur für eine Sache interessieren: Ihre eigene, kleine Nasenspitze. Für alle anderen, die an Politik, Gesellschaft, anderen Menschen und deren Wohlergehen interessiert sind, empfehle ich: www.bundestagswahl-2021.de Da finden Sie alle Wahlprogramme zum Selbststudium. Good luck!

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.