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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Transgenerationale Teufelskreise

Auf der letzten Rille hat der Bundestag noch ein Recht auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder verabschiedet. Das ist aus vielen Gründen gut, meint Heide Oestreich, auch aus ganz alten: In Deutschland fällt es traditionell besonders schwer, Kindern Raum, Zeit und Rechte einzuräumen.

Die Angst vor den Bedürfnissen und Gefühlen von Kindern ist in Deutschland schon etwas älter. Die soldatischen Erziehungsmethoden aus dem Kaiserreich und dem Nationalsozialismus verlangten Menschen, die ihre Bedürfnisse und die dazugehörigen Gefühlsäußerungen verleugnen. In der psychologischen Forschung wird öfter darauf hingewiesen, dass diese Haltung einen langen Schatten geworfen hat: Eltern, die so erzogen wurden, bekommen Angst, wenn ihre Kinder ihre Bedürfnisse noch nachdrücklich und unbefangen äußern. Dann nämlich könnten die eigenen Wünsche und der große Schmerz, den die Verdrängung bereitet, hervorbrechen.

Zu viel der Aufmerksamkeit für das Kind - und "fertig ist der kleine Familientyrann" – so hat das Johanna Haarer ausgedrückt, die einflussreiche Erziehungsratgeberin aus der NS- und Nachkriegszeit. Und wir sind heute noch empfänglich dafür: Es hat ein paar Jahre gedauert, bis der Öffentlichkeit dämmerte, dass die Thesen des Bestseller-Autors Michael Winterhoff auf denselben Annahmen beruhen wie einst die von Haarer: Bloß dem Kind nicht zu viel Raum, Recht und Aufmerksamkeit zugestehen. Es könnte Dich überwältigen. Ein transgenerationaler Teufelskreis, quasi.

Den Extremfall solcher Konstellationen kann man diese Woche nachlesen in dem neuen Bericht der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs: Er untersucht sexuelle Gewalt in Familien. Und ist ein einziges Zeugnis von Verleugnung und Verdrängung kindlicher Bedürfnisse auf allen Ebenen. Vielleicht entstehen so auch Täter*innen, auf jeden Fall aber hilflose Opfer. Übereinstimmend sind die Berichte darüber, dass das Kind in diesen Familien einfach nicht zählte –über seine Hinweise ging man hinweg, es wurde beschämt, bedroht, manipuliert.

Wo kann ein Kind erfahren, dass es sich und seine Bedürfnisse zumuten kann, ohne sich in Gefahr zu bringen? Dass es sogar ein Recht darauf hat? Wenn es Glück hat, in der Familie. Wenn es dort aber nicht so viel Glück hat, dann ist es gut, wenn Kitas und Schulen mehr sind als Halbtags-Wissensvermittlungs-Institute. Wenn es dort Raum und Zeit für solche Erfahrungen gibt. Das ist auch einer der vielen Gründe, aus denen Ganztags-Angebote für Kinder gut sind.

Dass der Bundestag jetzt in seiner letzten Sitzung ein Recht auf Ganztagsschule für Grundschüler*innen auf den Weg gebracht hat, ist auch vor diesem Hintergrund prima. Ich glaube, noch besser wäre es tatsächlich, wenn wir Kinderrechte ins Grundgesetz schreiben würden. Einfach, weil wir dieses Land sind, in dem eine Menge Menschen nach der Methode Haarer erzogen worden sind. Und in dem heute noch Psychiater vor kleinen Tyrannen warnen.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.