Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 41 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger Download (mp3, 4 MB)

Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 36 bis 40

Diese Woche gibt es in unserer Proust-Lesung ein bisschen Klassenkampf – aber nur zwischen den oberen Klassen. Außerdem fragt sich unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm: Was macht denn die Kamera da in der Ecke?

Was macht die Kamera da?

Zurzeit denke ich beim Lesen öfters, Proust hätte in diesem Abschnitt eigentlich auf seinen Ich-Erzähler verzichten können. Im Grunde tut er das fast schon. Denn langsam tritt dieser angebliche junge Mann komplett in den Hintergrund bei der Abendgesellschaft, die er gerade besucht. Das ist zwar trotzdem wunderbar, weil er vor allem die Dinge beobachtet und protokolliert, die mit dem Basisthema des Romans zu tun haben: Den wilden gesellschaftlichen Umwälzungen seiner Zeit.

"Sagen Sie, Charlus‘, sagte Madame Verdurin, die in einen vertraulicheren Ton zu verfallen begann, 'Sie haben wohl nicht in Ihrem Faubourg irgendeinen alten ruinierten Adligen, der bei mir als Portier eintreten könnte?‘ – 'Doch, schon … aber …‘, gab Monsieur de Charlus milde lächelnd zurück, 'ich kann Ihnen nicht dazu raten.‘ – 'Warum nicht?‘ – 'Weil ich für Sie fürchten müsste, dass dann Ihre eleganten Besucher in der Portierloge hängen bleiben.‘“

Haha, Baron versus Emporkömmling: 1 zu 1 (durch Ausgleichstor).

Sowas macht beim Lesen Spaß. Aber wenn dann nach einer halben Ewigkeit der junge Ich-Erzähler mal wieder den Kopf hebt, schrecke auch ich hoch. Und eigentlich müsste es den anderen Gästen auf der Dinnerparty doch ähnlich gehen. Oder vielmehr – einer von ihnen müsste plötzlich ausrufen: "Nanu? Was macht denn die Kamera da in der Ecke?"

Zumindest die Gastgeberin, Madame Verdurin, die so viel Wert auf unterhaltsame Tischgenossen legt, müsste sich langsam fragen, warum sie den jungen Mann überhaupt eingeladen hat. Seinen gedanklichen Off-Kommentar kann sie ja nicht hören, der ist nur für uns Lesende. Als Möchtegern-Schriftsteller im Buch hat der Junge noch keine Zeile veröffentlicht. Er ist ein bloßer Bürgerssohn und damit nutzlos für die Aufstiegsstrategien von Madame. Und bisher war im Roman auch nicht davon die Rede, dass er sich jemals für die Parties revanchiert. Und doch hat er schon den Brief mit der nächsten Einladung in der Tasche, diesmal sogar zur adligen Familie Cambremer.

Ich fürchte, wir müssen jetzt als Lesende ganz stark sein und der Tatsache ins Auge sehen: Marcel Proust ist hier auch nicht besser als das "ästhetische Wiesel", das nur "um des Reimes Willen" auf einem "Kiesel" im "Flussgeriesel" hockte. Mit dem Wieselgedicht bespöttelte Christian Morgenstern schon 1899 gewisse Selbstbezüglichkeiten in der Lyrik.

Für die Prosa und diesen Roman heißt das: Der junge Mann wird eingeladen, weil der Autor das so will. Nicht, weil es glaubwürdig wäre. Insgesamt passt das ja zu der mutigen Zumutung, die dieser Roman-Moloch ist: Ein Ich-Erzähler reicht halt nicht; Proust braucht auch noch einen allwissenden Erzähler, und eigentlich braucht er einen allmächtigen. Oh Gott.

Doris Anselm, rbbKultur

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
picture alliance / Heritage-Images

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed