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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Frauen machen Fehler

Wenn die Berliner Abgeordnetenhauswahl gültig bleiben sollte, dann werden wir wohl bald eine regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey haben - eine Politikerin, die quasi direkt im Anschluss an eine ziemlich gravierende Plagiatsaffäre eine Wahl gewonnen hat. Unsere Kolumnistin Heide Oestreich, die sich eine Woche anguckt, in der sehr viele Frauen wegen sehr vieler Fehler angeprangert werden, findet: Das ist ein feministisches Novum – mit komischem Geruch.

Ach, die Frauen. Da machen sie wieder Fehler! Einen Fehler nach dem anderen. Sie erinnern sich an die unglaublich vielen Fehler der Annalena Baerbock? Ja! Und diese Woche: die neue Sprecherin der Grünen Jugend Sarah-Lee Heinrich: Fehler über Fehler! Ja, sie war zwar 13 Jahre alt, als sie nach Art eines pubertären Großmauls mit Diskriminierungen und Nazi-Worten auf Twitter um sich warf, aber, klar: Fehler. Hinterher den Account nicht ordentlich aufgeräumt: großer Fehler.

Vielleicht sollte man jede Woche den falschesten Fehler einer Frau küren. Diese Woche hat ja Elke Heidenreich die grünen Damen noch überholt, weil sie nun wiederum in einer Talkshow mit atemberaubender Arroganz über Sarah-Lee Heinrich herzog.

Mit anderen Worten: der Platz am Pranger wird knapp diese Woche. Dass da vor allem Frauen stehen, ist Zufall. Die Jungs haben gerade nur Pause: Armin Laschet ist schon sturmreif geschossen, Sebastian Kurz zurückgetreten, Philipp Amthor muss sich von seinem Wahlkreisverlust erholen ...

Feministisch interessant ist eines daran: Fehler machen alle. Aber wer taucht nach dem Fehler samt Purgatorium durch unsere gestrengen sozialen Netzwerke am Ende wieder auf? Da haben Männer bisher eindeutig Vorteile gehabt. Wir sind es schlicht gewohnt, dass die Jungs allen möglichen Mist anstellen, sich mit schiefem Grinsen entschuldigen – und nach einer kurzen Schamfrist irgendwo anders munter weitermachen. Unser Kollektivgedächtnis ordnet das in so eine Art Heldenreise samt Krise und Wiederauferstehung ein. Die Reise des weiblichen Archetypus endet dagegen historisch betrachtet entweder am Herd oder im Grab. Und das haben nicht nur Frauenhasser im Internet sondern auch viele Frauen bis heute verinnerlicht: Die weiblichen Komplettausstiege aus der Politik nach Fehlern sind ziemlich zahlreich.

Das Klischee, das wir alle beim Thema Altern kennen, kann auch auf politische Fehler angewandt werden: Ein Politiker mit so ein paar Beulen und Schrammen ist ein erfahrener Politiker, eine Politikerin mit Beulen und Schrammen ist - Ausschuss. Bös' formuliert: Männer werden durch Fehler besser, Frauen schlechter.

In diesem Sinne freut sich also in mir bei aller Kritik ein feministischer Anteil darüber, dass Sarah-Lee Heinrich bisher keine Anstalten macht, ihren Job gleich wieder hinzuwerfen. Und dann gibt es ja noch Franziska Giffey. Die Plagiatorin, die nach einer windschiefen Entschuldigung sogleich eine Wahl gewonnen hat und nun in Berlin eine Koalition führen wird. Bitte nicht falsch verstehen: Teflon-Menschen sind nicht mein Ideal von Politiker*innen, weder männlich noch weiblich. Dennoch löst Giffey gerade ein Geschlechterstereotyp mit auf. Was mein feministischer Anteil bis zum Fall Giffey nicht wusste: Dass Stereotype bei ihrer Auflösung einen derart unangenehmen Geruch entwickeln können!

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.