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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Julian Reichelt und die Herbstdepression

In unserer Kolumne "Der Feine Unterschied" geht es heute um Herbstdepressionen. Ach, nein - es geht um Julian Reichelt und die Bild-Zeitung. Oder doch um Herbstdepressionen. Also, es geht um Herbstdepressionen, die man bekommt, wenn man sich die Causa Julian Reichelt und Bild-Zeitung genauer anguckt. So, darum geht’s.

Eigentlich würde ich gern einstimmen in die vielen gut gelaunten Witzchen darüber, dass die Bild-Zeitung entdeckt hat, dass man Compliance-Regeln auch praktisch anwenden kann. Zumindest, wenn sonst das USA-Geschäft in die Grütze zu gehen droht. Aber zum einen finde ich eher schwer fassbar, was genau nun der Grund für den Rauswurf von Reichelt ist - und wer da gerade wie profitiert.

Die Unternehmenskultur in der BILD ist so Achtziger - denkste ...

Zum anderen bin ich vor allem damit beschäftigt, die Herbstdepression zu bekämpfen. Das Wesen der Depression ist ja, dass man in einer Gedankenschleife hängen bleibt: Du kannst machen was Du willst, der gleiche Mist kommt immer wieder. Guck mal, sagt die Depression zu mir: Diese ganze Unternehmenskultur da in der Bild-Zeitung mit einer Boygroup in der Mitte, die eigentlich eine verkappte Monarchie ist, das hast Du für so Achtziger gehalten. Haha, denkste.

Vor ein paar Tagen erst redete ich mit meiner alten Kumpeline über die späten Achtziger in Berlin, da war sie schwer in der alternativen Kulturszene unterwegs. Und die war offenbar auch schon voll von diesen Jungscliquen. Geschart um einen Charismatiker, der die tollen Ideen hatte, ihm gegenüber devot, nach außen cool und verächtlich, so bildeten sie eine Art narzisstisches Konglomerat. Man erkannte sie an ihren Cowboyboots, sagt meine Kumpeline. Die wurden auch "Schnellfickerstiefel" genannt. Außer so einer Art Groupie konnten Frauen in so einem Konglomerat nicht viel werden.

Narzisstische Jungskonglomerate

Meine Kumpelinen damals, die mussten sich emanzipieren, schon aus Notwehr. Hat auch meist geklappt, sie haben ihre eigenen Projekte verfolgt, viele sehr erfolgreich. Aber wer gab den Ton an in der Stadt? Natürlich die narzisstischen Jungskonglomerate. Die sind halt unschlagbar medien- und massentauglich. Ein beträchtlicher Teil des coolen Berlins wurde von ihnen miterfunden – das Stadtmarketing dankt.

Julian Reichelt, bis gerade eben Chef der größten Zeitung in diesem Land, funktioniert offenbar wie die Berliner Jungs aus den 80ern. Das Einzige, was fehlt, sind die Cowboystiefel. Ein niederdrückender Gedanke, das müssen Sie doch auch zugeben. Und ich will gar nicht davon anfangen, dass die SPD grad mal mit Ach und Krach eine Frau für eines der höchsten Staatsämter gefunden hat, und die Jungwähler diese Boyband namens FDP gewählt haben …

Realitätsüberprüfung

Ok, genug geunkt, jetzt mal Realitätsüberprüfung – das macht man in der Therapie auch immer: Es ist natürlich so: In patriarchalen Strukturen stellt sich, wenn man nix macht, immer das Patriarchat wieder her. Ohne Anstrengung geht es also nicht. Aber die Anstrengungen nützen etwas. Meine Kumpelinen aus den Achtzigern haben ja wohl eine ganze Menge verändert! Berlin in den Achtzigern, Entschuldigung, das war Eberhard Diepgen! 2021 dagegen wird Berlin seine erste regierende BürgermeisterIN bekommen. Nur 40 Jahre später! 40 … – ja, naja, ganz weg kriegt man so ne Herbstdepression eben nicht in einer einzigen Sitzung. Kommen Sie doch einfach nächste Woche wieder!

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.

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