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Bild: dpa/Daniel Kalker

Kommentar zum Rücktritt von HU-Präsidentin Kunst - Für prekäre Verhältnisse am Wissenschaftsstandort Berlin?!

Die Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin, Sabine Kunst, hat heute überraschend ihren Rücktritt erklärt. Überraschend für die Universität, aber auch für die Berliner Politik. Denn als Grund gibt sie das neue Hochschulgesetz des Senats an. Das soll verhindern, dass wissenschaftliche Mitarbeiter:innen mit hintereinander befristeten Beschäftigungen, so genannten Kettenbefristungen, hingehalten werden. Das Gesetz sei gut gemeint, aber schlecht gemacht, sagte Kunst in ihrer Erklärung. Damit sei es aber den Hochschulen unmöglich, weiterhin um die besten Wissenschaftler:innen zu konkurrieren. Stimmt das? Und ist das überhaupt der eigentliche Grund für den Rücktritt der HU-Präsidentin? Jan-Martin Wiarda kommentiert.

Es ist ein Paukenschlag. Die Präsidentin der Humboldt-Universität, Sabine Kunst, schmeißt hin. Ihr geht vor allem Paragraf 110 des neuen Hochschulgesetzes gegen den Strich.

Der legt fest, dass Postdocs, Juniorprofessor:innen und Hochschuldozent:innen grundsätzlich Anspruch auf eine unbefristete Beschäftigung haben sollen. Was genau das bedeutet, ab wann die Regelung gilt und für wen, darüber hat es seit der Verabschiedung des Gesetzes im August heftige Debatten zwischen Hochschulen und Politik gegeben, mittendrin stets: Sabine Kunst.

Exzellente Weiterentwicklung der HU und des Wissenschaftsstandorts Berlin in Gefahr

Der Paragraf sei "gut gemeint, aber schlecht gemacht", sagte sie heute und wiederholte damit ihre seit Wochen vorgetragene Kritik. In der Gesamtschau gefährdeten die Änderungen die exzellente Weiterentwicklung der Humboldt-Universität und, wie Kunst betonte, "letztendlich den Wissenschaftsstandort Berlin".

Gut gemeint: Die rot-rot-grünen Regierungsfraktionen im Abgeordnetenhaus hatten den Passus in letzter Sekunde in das Gesetz eingefügt. Um ein Zeichen zu setzen für bessere Beschäftigungsbedingungen und gegen die in der Wissenschaft üblichen, immer wieder neuen Zeitverträge vor allem für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Schlecht gemacht: Die Regel ist nebulös formuliert, entscheidende Details zur Umsetzung fehlen, so dass die Klärung der rechtlichen Fragen auf die Hochschulen abgewälzt wird. Und: Die Politik fordert zwar mehr Dauerstellen, aber zusätzliches Geld will sie dafür erstmal nicht geben.

Wenn jemand wie Sabine Kunst hinwirft, dann sollten alle genau zuhören

Kunsts Ärger ist also verständlich, sie teilt ihn mit ihren Kolleg:innen von den anderen Berliner Universitäten, die sich vom Senat alleingelassen fühlten in der Auseinandersetzung mit den Parlamentariern. Doch zurücktreten wollen die deshalb nicht. Wie passt der resignierte Ton zu einer Frau, die sich vor gerade mal einem Jahr voller Pläne und gegen Widerstände erfolgreich um eine zweite Amtszeit beworben hatte? Ist ihre Entscheidung eine unüberlegte Überreaktion?

Wer die Ingenieurwissenschaftlerin Kunst kennt, der weiß: sicher nicht. Sie war Unipräsidentin in Potsdam und Wissenschaftsministerin in Brandenburg, sie ist eine der erfahrensten Hochschulmanagerinnen des Landes. Wenn so eine hinwirft, weil sie glaubt, dass ein Gesetz zu mies ist, um damit zu arbeiten, dann sollten alle genau zuhören. Gerade diejenigen Abgeordneten, die das Gesetz verantwortet haben.

Ein menschlich nachvollziehbarer Rücktritt, aber ein Verlust für die Wissenschaft

Umgekehrt gilt aber auch: Wenn überhaupt jemand die Expertise, die Erfahrung und die Kontakte hätte, um beide Ziele – bessere Beschäftigungsbedingungen und eine exzellente Wissenschaft – miteinander zu versöhnen, dann Kunst. In sicher langwierigen Verhandlungen mit der Politik um eine Nachbesserung des Gesetzes. Und im Umbau der Personalstrukturen an der HU.

Doch Kunst will, sie kann nicht mehr, obwohl sie heute für die Zukunftssorgen der jungen Wissenschaftler Sympathien ausdrückte und Änderungen als nötig bezeichnete. Doch sie sagt, es fehle ihr an Kraft für die, wie sie es ausdrückte, nötigen "visionäre Umsetzung" der neuen Regelung. Das ist menschlich nachvollziehbar. Vor allem aber ist es ein Verlust. Für die Sache und für die Wissenschaft.

Ein Kommentar von Jan-Martin Wiarda, Wissenschafts- und Bildungsjournalist

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