Nadja Ziebarth, BUND Landesverband Bremen e.V. © Birgit Wingrat
rbbKultur
Bild: Birgit Wingrat Download (mp3, 9 MB)

Ist die Welt noch zu retten? Die rbbKultur-Klimagespräche, Folge 13 - Nadja Ziebarth: "Wir müssen beim Küstenschutz überlegen, ob das Bauen immer höherer Deiche die einzige Antwort ist"

Der viel beschworene Klima-Wandel wirkt sich auf jeden Menschen weltweit aus, in Berlin und Brandenburg ebenso wie in Griechenland, den USA, Indien oder China. Wir fragen auf rbbKultur: Ist die Welt noch zu retten? Und wenn ja, wie? Heute geht es im Gespräch mit Nadja Ziebarth, Leiterin des BUND-Meeresschutzbüros, um die Auswirkungen eines steigenden Meeresspiegels auf die deutschen Inseln und Küstenregionen.

rbbKultur: Frau Ziebarth, welche deutschen Inseln sind denn besonders vom steigenden Meeresspiegel betroffen?

Ziebarth: Wir haben zwei Küsten – die Ostsee- und die Nordseeküste. Stärker betroffen ist die Nordseeküste und die komplette Region dort. Die Inseln sind die Lebensretter des Festlandes, sie sind also besonders wichtig. Wir haben auch Festlandstrecken, vor denen keine Inseln sind. Eigentlich können wir die komplette Nord- und Ostseeküste betrachten, wenn wir darüber reden, was der Klimawandel mit der Küste macht.

rbbKultur: Das ist also keine Zukunftsvision, sondern es passiert jetzt schon?

Ziebarth: Ja, das passiert schon die ganze Zeit. Seit Jahrhunderten haben wir einen Meeresspiegelanstieg, der teilweise nichts mit dem Klimawandel zu tun hat, sondern damit, dass sich die Erdplatten bewegen. Das Prinzip ist folgendes: Die Küste und das Meer müssen interagieren und die Küste muss auch geschützt werden - gegen Sturmfluten und gegen den Meeresspiegelanstieg. Wir befassen uns schon lange mit dem Meeresspiegelanstieg und mit dem, was es für die Küstenbewohner:innen bedeutet.

rbbKultur: Was wäre denn, wenn diese Inseln verschwinden würden - rein theoretisch?

Ziebarth: Das wäre dramatisch. Die Inseln vor dem Festland sind sozusagen Wellenbrecher. Sie stoppen die Energie des Sturms, der auf die Küste zuläuft. Das bedeutet, dass sie die Wellenkraft verringern und damit das Festland schützen. Die Inseln tun das, indem sie einfach als Sandbänke da liegen. Aber auch diese Sandbänke wandern. Wir haben an der Nordsee vom Westen nach Osten eine Strömung, die den Sand immer weiter transportiert. Wenn Sie mal auf einer niedersächsischen Insel – zum Beispiel auf Norderney - waren, dann sehen Sie, dass die Ortschaften ganz am Westende sind, im Osten läuft die Insel weg.

Das ist auch jetzt schon ein Zustand, der mit sehr viel Küstenschutzmaßnahmen so gehalten wird, ansonsten wären viele Ortschaften auf den Inseln schon weg. Und wenn diese Inseln weg sind, dann sind sie auch als Sturmbarriere vorm Festland weg.

rbbKultur: Dann würde es also die Küstenregionen auf dem Festland und auch größere Orte und Städte treffen …

Ziebarth: Genau. Auch die Flüsse merken den Meeresspiegelanstieg. Dieser Frühling war sehr sturmflutintensiv, das hat man auf den Inseln und auch an der gesamten Küste an den Flüssen gemerkt. Gerade auf den Inseln Langeoog und Juist gab es starke Schäden an den Dünen, die dann wieder aufgearbeitet werden müssen. Das heißt, dort wird Sand vorgespült, um die Düne zu erhalten. Auch an der Küste ist klar: Wir hatten in den letzten 140 Jahren einen Anstieg um 20 Zentimeter. Das klingt erstmal nicht so viel, wenn ich mir das auf einem Lineal angucke. Aber es bedeutet einen sehr starken Druck auf die Deiche, die stetig erhöht und verstärkt werden.

rbbKutur: Es wird also ständig Sand herangeschafft, die Deiche werden erhöht und verstärkt, die Strände werden befestigt. Was wird denn in Zukunft noch alles passieren müssen, damit man sie dauerhaft retten und schützen kann?

Ziebarth: Wir müssen den Klimawandel stoppen beziehungsweise bremsen. Wir müssen zusehen, dass wir genau diesen Meeresspiegelanstieg und die verstärkten Stürme stoppen.

Für den Küstenschutz bedeutet es, dass wir überlegen müssen, ob das Bauen immer höherer Deiche die einzige Antwort ist. Bei einer Sturmflut drückt in einer relativ kurzen Zeit – nämlich bei Flut, mit Hochwasser und Sturm – eine sehr hohe Wassermenge auf den Deich bzw. auf die Düne. Dort dem Wasser Platz machen: Ein Beispiel dafür ist in Niedersachen ist die Langwarder Groden, wo der Sommerdeich – also der erste kleinere Deich – aufgemacht und dem Wasser damit Raum gegeben wurde. Das ist wie Hochwasser bei Flüssen: Wenn ich das Wasser zwinge, in einem engen Raum zu bleiben, steigt es hoch. Wenn ich dem Wasser aber Raum gebe, dann kann es wegfließen und dann hat es auch nicht diese Höhe.

Das heißt, dass wir auch an der Küste überlegen müssen, dem Wasser mehr Raum zu geben, Lagunen zu bauen und dem Wasser kontrolliert Platz für eine Sturmflut anzubieten.

rbbKultur: Wie zuversichtlich sind Sie, dass das in Zukunft auch ausreichend umgesetzt wird? Das ist schließlich immer auch eine Frage der Finanzen.

Ziebarth: Da sprechen Sie einen guten Punkt an. Alleine 2017 wurden 61 Millionen Euro für den Küstenschutz in Niedersachsen investiert. Wir reden beim Klimaschutz oft darüber, was er uns kostet, wenn wir Maßnahmen ergreifen. Aber wir müssen auch darüber reden, was es kostet, wenn wir keine Maßnahmen ergreifen. Und das sind sehr hohe Kosten, die da auf die Küsten zukommen. Das sind Milliarden, die ausgegeben werden müssen. Wie gesagt: Deicherhöhungen werden sowieso stetig gemacht, das muss auch noch weiterlaufen. Der höchste Deich in Niedersachsen ist neun Meter hoch. Das wird in Zukunft nicht reichen. Die technischen Möglichkeiten sind da, aber es wird sehr teuer.

Die bessere Lösung ist weiterhin, dass wir den Klimawandel stoppen.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

Reihe

Mehr

Der Morgen; © rbbKultur
rbbKultur

Alle(s) fürs Klima!? - Klima: Ist die Welt noch zu retten?

Die Klimafolgeschäden werden auch in Berlin und Brandenburg immer deutlicher spürbar. Was ist zu tun, um den Klimawandel aufzuhalten? Wir fragen auf rbbKultur: Ist die Welt noch zu retten? Und wenn ja, wie? Dafür sprechen wir mit Akteur*innen aus den verschiedensten Bereichen der Wissenschaft, der Kultur, Gesellschaft, Religion und Politik über ihre Ideen und Überlegungen. Und wir begleiten mit Hintergrundbeiträgen die UN-Klimakonferenz in Glasgow.