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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Thesen zur Transsexualität

Es gibt mal wieder einen kleinen Geschlechterkampf. Diesmal nicht einfach zwischen Männern und Frauen, sondern auf einer sehr viel komplizierteren Ebene: Wer ist denn überhaupt eine Frau? Die britische Philosophin Kathleen Stock etwa besteht darauf, transsexuelle Frauen als biologische Männer zu bezeichnen. Der Protest der Studierenden gegen sie wurde derart bedrohlich, dass sie ihren Lehrstuhl aufgab. Und hierzulande steht gerade Alice Schwarzer unter Beschuss, die ebenfalls schwer verdauliche Thesen zum Thema schwingt. Wird der Kampf hier auch zum Krieg?

Kaum war klar, dass die Transfrau Nyke Slawik in den Bundestag einziehen wird, kam schon die erste Diffamierung aus der Mottenkiste: Im Parlament gebe es jetzt auch als Frauen verkleidete Männer. Hoho. Glücklicherweise zeigen Umfragen, dass eine Mehrheit in Deutschland durchaus Verständnis dafür hat, dass Menschen ihre körperliche Erscheinung an ihre Identität als Mann oder Frau angleichen. Transsexuelle Menschen sind normal, sagten zuletzt immerhin 60 Prozent in einer Umfrage.

Man nennt es Selbstbestimmung. Auf Kölsch heißt es, weil gerade der Karneval angefangen hat: Jeder Jeck es anders. Dass ausgerechnet die Kölnerin Alice Schwarzer diesen schönen Grundsatz verwirft, ist schade. Ihre Analyse, mehrfach in ihrer Zeitschrift Emma nachzulesen: Transsexualität ist nicht Ausdruck einer Persönlichkeit, sondern ein Leiden. Transsexuelle kommen mit ihrer Geschlechterrolle nicht zurecht. Und stolpern deshalb unglücklich und unter schmerzlichem Aufwand in eine andere Rolle – in der sie dann auch nicht happy werden können. Weil die Rollen an sich zu eng sind. Das klingt zwar sympathisch nach: Lasst uns alle Geschlechterrollen abschaffen! Es pathologisiert aber leider auch die Transleute. Schwarzer liest Transsexualität als Krankheit, auch wenn sie eine gesellschaftlich erzeugte Krankheit sein soll.

Ob sie diese These in ihrem neuen Buch genauso vertritt wie bisher, weiß man noch gar nicht. Es ist noch nicht erschienen. Immerhin muss ja auch sie zur Kenntnis genommen haben, dass die WHO kürzlich die Transsexualität aus ihrem Katalog psychischer Leiden gestrichen hat. Und der Bundestag arbeitet in der Folge daran, dass etwa eine Vornamensänderung nicht mehr von einer langen psychologischen Begutachtung abhängen soll. Aber ich fürchte, genau das passt ihr nicht.

Im Pressetext für ihr Buch wird jetzt vor einem neuen "Trend" zur Transsexualität gewarnt. Das klingt ein bisschen wie bei der polnischen Regierung, die "Werbung für Homosexualität" gefährlich findet. Es gebe den Trend, ich zitiere mal: "bereits bei einer Rollenirritation zu schnell mit schwerwiegenden Hormonbehandlungen und Operationen zu reagieren. Statt Mädchen zu ermuntern, aus dem starren Rollenkorsett auszubrechen, wird der biologische 'sex' der Genderrolle angepasst". Hm. Dass die Krankenhausmafia nun Mädchen mit Rollenproblemen in die Operationssäle lockt, ist eher schwer vorstellbar. Das wäre nicht einmal möglich, wenn die Vorstellungen der Grünen sich durchsetzten – da ist für Jugendliche die Entscheidung eines Familiengerichts vorgesehen.

Ich fürchte, hier wird nicht der sex der Genderrolle angepasst, sondern die Realität einer Theorie. Und zwar einer, die Transsexuellen die Selbstbestimmung abspricht. Twitter stürmt schon mal ein bisschen und ich versteh schon, warum.

Aber wir können von Glück sagen, dass im Bundestag Nyke Slawik sitzt – und Alice Schwarzer mitsamt ihrer publizistischen Macht etwas anderes entgegensetzen kann als einen Shitstorm oder Schlimmeres. Das ist nämlich ein gutes Mittel gegen einen neuen Geschlechterkrieg: Augenhöhe.

Heide Oestreich, rbbKultur