Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 47 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - Die Gefangene (10 - 14)

Unsere Kolumnistin Doris Anselm hat den Erzähler der "Suche nach der verlorenen Zeit" diesmal beim morgendlichen Aufstehen begleitet. Klingt idyllisch, war aber eine ganz schön geräuschvolle Sache.

Werbejingles für Bildungsbürger

"Radiowerbung wirkt", das behauptet Radiowerbung ja gern von sich selbst im Radio. Leider gilt fast immer auch: Radiowerbung nervt. Besonders morgens, vor dem ersten Kaffee, wenn man der Welt und ihren Werbeleuten weich und wehrlos gegenübertritt.

Zwar gibt es zum Glück Sender, die auf Werbung verzichten, zwinker-zwinker, trotzdem dürfte das Gefühl bekannt sein: Der Radiowecker, der uns aus dem Schlaf direkt auf den Wühltisch katapultiert. Zwanzig Prozent auf alles! Außer Tiernahrung! Nicht grad ein guter Start in den Tag für sensible Menschen.

So. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, die Werbejingles würden nicht aus einem harmlosen kleinen Radiowecker kommen, der auf Knopfdruck verstummt - oh nein, stellen Sie sich vor, das ganze schreiende Verkaufspersonal würde direkt unter ihrem Schlafzimmerfenster vorbeimarschieren.

So geht’s dem Erzähler bei Marcel Proust. Der Radiowecker ist noch nicht erfunden, der Mann wohnt an einer belebten Straße in Paris, und dank diverser Schlafmittel (oder deren Entzug) ist er morgens ohnehin so fix und fertig, dass, Zitat "eine weitere Stunde Schlaf einem Schlaganfall gleich[kommt]."

Während er noch überlegt, auf welcher Sprache er mit der Haushälterin reden soll, geht’s vor dem Fenster schon richtig ab:

"Hundescheren, Katerkastrieren, Kupieren von Schwänzen und Ohren", ruft ein Dienstleister aus, worauf, Zitat, "in lustiger Weise der Kesselflicker, nachdem er Kessel, Kochtöpfe, alles, was sich löten lässt, einzeln aufgeführt hatte, seinen Singsang folgen ließ". Mittendrin gibt’s auch noch Gewinnspiele.

Boah, da wär’ ich schon raus um die Uhrzeit. Und jetzt aber die große Überraschung: Unser sonst hypersensibler Erzähler findet all diese Rufe – sehr vergnüglich. Er vergleicht das traurige Liedchen des Schneckenverkäufers mit Werken von Debussy und entdeckt im Ruf der Gemüsehändlerin einen gregorianischen Gesang mit der typischen Trennung der Silben, obwohl die Frau, Zitat: "vermutlich von Antiphonen nichts wusste, noch von den sieben Tönen, deren erste vier das Quadrivium und deren letzte drei das Trivium versinnbildlichen.“

Nee, vermutlich weiß sie davon nix. Ich auch nicht. Und vielleicht sind mir die etwas herablassenden Bildungsbürger-Scherze des Erzählers hier auch deswegen so seltsam unsympathisch.

Eigentlich hätte er als Werbejingle-Opfer ja mein Mitleid. Aber ich muss immer an das Einkommens-Gefälle zwischen ihm und der Gemüsefrau denken. Wer damals als fliegende Händlerin ohne eigenen Marktstand Kartoffeln ausschreien musste, war arm dran. Der steinreiche Erzähler dagegen gönnt sich hier nicht zum ersten Mal den Spaß, den Daseinszweck von Menschengruppen, denen er sich überlegen fühlt, darin zu sehen, dass sie ihn unterhalten.

Tja, manchmal sind sogenannte "Sensible" sehr sensibel für sich selbst und null sensibel für irgendwen sonst.

Doris Anselm, rbbKultur

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