Berliner Ensemble 2G-Regel © Britta Pedersen/dpa
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Kommentar | Die Kultur und 2G+ - Geh ich hin, unterstütze die Veranstalter oder bleib ich lieber mal weg?

2G gilt ja schon für die Kultur in Berlin und Brandenburg: Ins Theater, Kino oder in Konzerte dürfen nur Geimpfte und Genesene gehen. Diese Regeln werden heute vom Berliner Senat wahrscheinlich noch einmal verschärft. Dann könnten ab dem Wochenende eine Kulturveranstaltung nur diejenigen besuchen, die sich zusätzlich am selben Tag testen lassen, es könnte die Maske am Platz wieder verbindlich werden oder die Zuschauerzahlen könnten reduziert werden. Genaueres wird heute beraten. In Brandenburg wird Ähnliches erwartet. Was aber macht das mit der Kultur und der Bereitschaft, sie als Zuschauer:in zu unterstützen. Gehe ich weiter hin, weil genügend abgesichert? Oder bleibe ich doch lieber zur Sicherheit weg? Barbara Behrendt hat sich darüber Gedanken gemacht.

Eins schon mal vorweg: Die Theater verhalten sich vorbildlich, was die Kontrolle der Corona-Hygienevorschriften angeht. Lieber lässt man die Vorstellung zehn Minuten später beginnen, als das langwierige Prozedere am Eingang lässiger zu gestalten. Impfzertifikat und Personalausweis vorzeigen ist ein Muss. Meistens wird auch gebeten, sich mit der Corona- oder der Luca-App einzuloggen, sodass Kontakte besser nachverfolgt werden können. Das alles trägt zur Vertrauensbildung bei.

Und trotzdem ist es gut, wenn bald die 2G+Regelung greift. Denn auch die Theater gehen nun mal meistens soweit, wie sie eben dürfen. Das ist nicht verwerflich, aber eben auch nicht angenehm. Als im Oktober am Deutschen Theater Dostojewskis "Der Idiot" Premiere feierte, saß das Publikum viereinhalb Stunden lang dicht an dicht, volle Platzauslastung, und eine freundliche Stimme aus den Lautsprechern sagte, man dürfe die Maske am Platz abnehmen. Etwa die Hälfte der Zuschauerinnen und Zuschauer taten das. Sicher fühlt man sich da nicht, auch wenn das vollkommen legal ist. Inzwischen hat das Deutsche Theater die Maskenpflicht am Platz zum Glück freiwillig wieder eingeführt.

Wenn die Theater möchten, dass die Menschen trotz explodierender Corona-Zahlen kommen, müssen sie mehr tun – auch auf freiwilliger Basis. Denn es ist ja nur verständlich und vernünftig, unter den gegebenen Umständen auf den RKI-Chef Lothar Wieler zu hören und auf nicht notwendige Kontakte zu verzichten. Das Deutsche Theater sagt auf Nachfrage, es registriere für den Dezember gehäuft Stornierungen von Gruppenbuchungen. Da kann das Theater hundert Mal sagen, dass der Luftaustausch soundso viele Male pro Stunde erfolgt – die Menschen werden, wenn sie zum Team Vorsicht gehören, das Theater in den nächsten Monaten meiden wollen.

Da hilft nur: mehr Vertrauen schaffen. Nicht nur die neuen Verordnungen pflichtgemäß erfüllen, sondern überlegen: Wie kann der Besuch für die Zuschauerinnen und Zuschauer so sicher wie möglich gestaltet werden?

Vorbild-Charakter hat da das Potsdamer Hans Otto Theater. Auch im Oktober saß man hier schon im Schachbrett und mit genügend Abstand in der Vorstellung. Das war keine Pflicht, sondern selbstauferlegte Rücksichtnahme. Womöglich nicht hundertprozentig selbstlos. Bei vollem Saal, ließ das Theater wissen, kämen die Potsdamerinnen und Potsdamer schlichtweg nicht. Und auch mit Abstand ist es schwierig.

Bei der Premiere am Wochenende wirkte die Intendantin Bettina Jahnke besorgt, was die pandemische Entwicklung angeht. Man spiele NOCH, sagte sie bei ihrer Ansprache nach dem Schlussapplaus. NOCH. Keiner weiß, wie lange. In München etwa darf ab Mittwoch nur noch mit einem Viertel des Publikums gespielt werden – so lange es nicht zu einem kompletten Lockdown kommt.

Um sich keinen Corona-Fall ins Haus zu holen, auch nicht ins Ensemble und die Belegschaft, schickte Bettina Jahnke nach der Premiere alle Besucherinnen und Besucher auf direktem Wege nach Hause. Keine Premierenfeier, kein Anstoßen, kein Plausch nach der Vorstellung. Richtig so. Denn auch, wenn der Senat kein Premierenfeierverbot ausgesprochen hat, so ist doch jetzt, mehr denn je, Rücksichtnahme und Mitdenken gefragt, um die Türen der Theater überhaupt geöffnet zu halten.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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