Der feine Unterschied | Heide Oestreich E33 © rbb/Gundula Krause
rbbKultur
Bild: rbb/Gundula Krause Download (mp3, 5 MB)

Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Geschlagen werden

Pünktlich zum Tag gegen Gewalt gegen Frauen zeigen neue Zahlen des BKA das alte trübe Bild zur Häuslichen Gewalt. Sie steigt eher an, 80 Prozent der Opfer sind und bleiben Frauen. Die Ampelkoalition hat in ihrem neuen Koalitionsvertrag durchaus erkannt, dass Frauen besser geschützt werden müssen. Am besten wäre es natürlich, wenn Männer Frauen nicht mehr schlagen würden, sagt Heide Oestreich und hat nachgeschaut: Warum tun die das eigentlich?

Warum schlagen Männer Frauen? Naja, kann ja jede an sich selbst ganz gut sehen: Aus Wut natürlich. Reden hat nicht geholfen, gemein werden auch nicht, anbrüllen hat man auch schon ausprobiert – dann fährt es einem halt in die Glieder. Das ist bei Männern und Frauen eigentlich ungefähr gleich. Und bei den meisten von uns funktioniert dabei auch noch so viel Resthirn, dass keiner verletzt wird, von den fliegenden Tellern.

Die eigene Wohnung: statistisch gesehen der gefährlichste Ort der Welt für Frauen

Aber wenn es ernst wird, wenn die Opfer gezählt werden, dann klafft da doch eine Riesenlücke zwischen den Geschlechtern. Gerade gab es neue Zahlen vom BKA - und das Verhältnis hat sich nicht verändert: 80 Prozent der verprügelten Menschen in unseren Häusern sind Frauen. Die eigene Wohnung, unsere dritte Haut, unser sicherer Rückzugsort - ist für Frauen statistisch gesehen der gefährlichste Ort der Welt. Und jede Dritte von uns weiß das auch sehr genau, sie hat das nämlich erlebt: Gewalt von ihrem Partner.

Wer Gewalt erfahren hat, übt schneller Gewalt aus - und mit Gewaltlektionen kennen Jungs sich besser aus

Warum schlagen so viel mehr Männer ihre Frauen als umgekehrt? Psychologen betonen dann, dass natürlich jeder seine eigene Geschichte hat. Doch es gibt da so eine Zusammensetzung, die taucht in den verschiedensten Varianten immer wieder auf. Eine sehr konstante Zutat: Wer Gewalt erfahren hat, übt schneller Gewalt aus. Und wenn man da mal in die Fachstudie des Familienministeriums schaut, wird einem schnell klar: Mit Gewaltlektionen kennen die Jungs sich besser aus. Viel mehr Jungen als Mädchen werden schon als Kinder geschlagen, in der Familie und auch in der Schule. Fast viermal so viele männliche Jugendliche wie weibliche erfahren Gewaltkriminalität auf der Straße. Wer dann noch bei der Bundeswehr landet, kann da die nächsten Demütigungen einsammeln.

Für diese emotionale Versorgung des Mannes ist oft die Partnerin zuständig - blöd nur, wenn die gerade etwas anderes vorhat ...

Und jetzt kommt eine weitere Zutat dazu, die sehr oft Teil der Mixtur ist: Dass Frauen Opfer werden, ist in unserer Gesellschaft zumindest erzählbar – mit vielen Problemen und Einschränkungen. Aber die gedemütigten und geschlagenen Männer sind auf Schritt und Tritt mit unserem Ideal des taffen, coolen Typen konfrontiert, der alles im Griff hat. Ihre Erfahrung völliger Entwertung müssen sie schnellstmöglich verdrängen. Wenn man Pech hat, bleibt dann ein fragiles Männerego übrig, das bitte täglich zu stabilisieren ist durch narzisstische Zufuhr: Du bist toll und liebenswert.

Für diese emotionale Versorgung ist dann oft die Partnerin zuständig. Blöd nur, wenn die gerade etwas anderes vorhat. Dann kommt sie, die Wut. "Patriarchale Kontrollgewalt" nennt die Forschung diese besondere Gewaltform von Männern, deren Frauen nicht so funktionieren, wie sie sich das vorgestellt haben. Droht sie gar zu gehen, dann herrscht Alarmstufe Rot.

Ein Vorschlag für den Berliner Koalitionsvertrag

Wenn man diese Zusammenhänge berücksichtigen würde, dann könnte man noch etwas anderes machen, als geschlagene Frauen unterstützen: Man könnte verhindern, dass Frauen überhaupt geschlagen werden. Es gibt Projekte, die mit Tätern arbeiten. Sogar sehr erfolgreich. Aber es sind viel zu wenige. Ein einziges ist es etwa in Berlin. Da fällt mir ein: Der Berliner Koalitionsvertrag ist ja noch nicht geschrieben. Da hätt' ich noch 'nen Vorschlag!

Heide Oestreich, rbbKultur