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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Aushalten

Es rutscht einem ja doch irgendwie etwas weg, in diesen Tagen. Der graueste Dezember aller Zeiten geht zu Ende, mit einer Omikron-Welle hatte niemand gerechnet. Und dass die kommende Welle eher die Form einer Wand haben könnte, das gibt einem schon irgendwie den Rest, oder? Heide Oestreich hat ein paar unbekannte Erkenntnisse aus der Resilienzforschung dazu.
 
 

Oh Mann, Anfang 2019 konnte ich mir noch nicht vorstellen, dass so eine Pandemie länger als ein halbes Jahr dauern könnte. Und so ungefähr alle sind wohl davon ausgegangen, dass wir in diesem Sommer durch sind.

Und jetzt: nicht mal geboostert kann man sich so wirklich sicher sein, ob man zu Weihnachten nicht doch die Eltern oder Großeltern in Gefahr bringt. Klar, wir bekommen das ganz gut verdrängt, die eine besser, der andere schlechter. Aber trotzdem denken alle, die ich treffe, ernsthaft darüber nach, wie man bloß dieser fatalen Kombination aus Weihnachts- und Coronablues begegnen kann.

Ich weiß schon, wie Sie das machen, ich mache es nämlich genauso: Die Tage schön strukturieren, mit Anrufen, Spaziergängen, aufwändigem Essen und Besuchen - unter Hochsicherheitsbedingungen natürlich, aber soziale Kontakte sind ja eben wichtig für die Resilienz.

Aber so wie Sie vielleicht auch, merke ich, dass das gerade so zum Durchkommen reicht. Den Rest, dieses ungute Untergrundgefühl von "geht das jetzt etwa immer so weiter?", den muss man wohl einfach aushalten. Augen zu und durch. Muss ja. Nützt ja nix.

Solange wir also zusammen aushalten üben, erzähl ich Ihnen noch was aus der Resilienzforschung. Wenn man die nämlich durch die Genderbrille betrachtet, kommt da etwas ganz Interessantes heraus.

Laut der berühmten Mutter aller Resilienzstudien, der Kauai-Langzeitstudie über Kinder, die sich aus schwierigen Lebenslagen herausarbeiten konnten, waren die Kinder besonders erfolgreich, die sich am wenigsten geschlechterstereotyp verhalten haben. Das leuchtet bei Mädchen unmittelbar ein. Das Stereotyp sieht die klassische Rolle der passiven, zurückhaltenden Frau vor. Es ist leicht vorstellbar, dass die Mädchen, die Verantwortung übernahmen, aktiv wurden und sich umfassend für ihre Umwelt interessierten, besser durchkamen.

Interessanterweise ist es bei Jungen aber auch so: Das Stereotyp sieht die Männerrolle des schweigsamen Einzelkämpfers vor. Besser zurecht kamen aber die Jungen, die sich Hilfe suchten, die kommunikativ und kontaktfreudig waren, und Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für andere übernahmen.

Kurz gesagt fördert es unser aller Resilienz, je weniger rollentypisch wir uns verhalten. "Undoing Gender", sagt die Forschung dazu: "Weniger Geschlecht tun", wäre die wenig elegante Übersetzung dafür.

Das ist doch mal ein Gesprächsthema für das Weihnachtsessen – und vor allem für die Frage, wer danach die Küche aufräumt!

Heide Oestreich, rbbKultur

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