Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 56 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - Die Entflohene (11 - 15)

Immer wieder heißt es in Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit", die Liebe sei im Prinzip etwas "Gemachtes", Künstliches, etwas, das mehr mit den eigenen Projektionen und Fantasien zu tun hat als mit der realen anderen Person. Deshalb überlegt unsere Kolumnistin Doris Anselm diese Woche mal, ob die Liebe bei Proust nicht eigentlich pornografisch ist.

Wie pornografisch ist Proust?

Bevor ich den aktuellen Roman-Abschnitt kannte, hätte ich es wohl nicht gewagt, hier einen Proust-Porno-Vergleich zu ziehen. Obwohl mir Argumente dafür schon länger im Kopf herumspuken. Der Erzähler ist ja inzwischen selbst dahintergekommen, dass er die äußere Wirklichkeit eigentlich nur benutzt, um bei sich selbst bestimmte Gefühle auszulösen und mit ihnen zu spielen.

Genau das aber ist eine (!) Definition von Pornografie: Es geht nicht darum, was gezeigt wird – es geht um den Zweck, zu dem es gezeigt wird. Den Zweck der Erregung. Außerdem spielt Porno immer mit gesellschaftlichen Tabus und mit der Sehnsucht, einen Vorhang von Seriosität abzureißen und dahinter etwas richtig schön Versautes und Verdorbenes zu finden.

Genau dieser Beschäftigung gibt sich unser Erzähler gerade mit regelrechtem Lustschmerz hin: Nach dem Tod seiner geliebten Albertine recherchiert und spioniert er endlich so extrem ihrem vermeintlichen Vor- und Doppelleben hinterher, wie er das zu ihren Lebzeiten aus Konfliktscheu nie gewagt hätte. Dieses Vor- und Doppelleben hält er für ein weitgehend lesbisches, das heißt: eines, das ihn völlig ausschließt. Das wiederum hält die Literaturwissenschaft für eine Strategie Prousts, um das Geheimnisvolle, das im Kern Unerreichbare eines jeden anderen Menschen hervorzuheben.

Der Erzähler wendet allerdings ganz hautnahe Methoden an, um dieser Fremdheit doch auf die Spur zu kommen. Hier mal eine Szene, leicht gerafft, übrigens nicht die einzige ihrer Art im Romanteil der Woche:

"In ein Stundenhotel hatte ich zwei kleine Wäscherinnen aus einer Stadtgegend kommen lassen, in die Albertine sich häufig begab. Unter den Liebkosungen der einen begann die andere mit einem Mal, etwas vernehmen zu lassen, wovon ich zunächst nicht wusste, was es war, […] was ich [dann aber] als Lust erkannte. Diese hier musste sehr stark sein, um das Wesen, das sie empfand, derart zu überwältigen und ihm eine solche unbekannte Sprache zu entlocken, die alle Phasen des körperlichen Dramas zu bezeichnen und zu kommentieren schien, das diese junge Frau durchlebte, während es sich vor meinen Blicken […] verbarg.“

Naja, es KANN natürlich auch einfach sein, dass die beiden jungen Frauen eine Show abziehen für ihren vermutlich gut zahlenden Kunden. Dass also selbst die Geräusche, von denen der Erzähler glaubt, dass sie die wahre Lust umhüllen und verbergen, selbst schon eine Lüge sind. Und genau das ist Porno. Geräusche und Berührungen, von denen man zumindest ein bisschen glauben können will, dass sie "echt" sind. Und "echt" heißt dann beim Pornogucken wie bei Marcel Proust nicht "äußerlich vorhanden", sondern: "wirklich so gefühlt".

Aber das weiß man eben nie. Wer allerdings zumindest eine Chance haben will, der achtet in der Liebe wie bei Pornos auf die Produktionsbedingungen.

Doris Anselm, rbbKultur

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