Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 57 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - Die Entflohene (16 - 20)

Auf den jungen Erzähler im Proust-Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" wartet diese Woche ein großer Moment: Seine erste Veröffentlichung. Die polstert sein Ego ordentlich auf. Unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm fühlt sich da glatt ein bisschen peinlich getroffen.

Ego im Erfolgszustand

Als ich den wichtigsten deutschen Nachwuchs-Literaturpreis "open mike" gewonnen habe – boah, nee, so kann man doch nicht anfangen, wie eitel klingt das denn?!

Na, ich lass es mal stehen. Bei Proust geht’s nämlich diese Woche um die Eitelkeit eines frischgebackenen Autors; und darum, wie nah Arroganz und tödliche Selbstzweifel in diesem Zustand beieinanderliegen. Das hat bei mir eine Gefühls-Erinnerung ausgelöst, die ein bisschen dem ähnelt, was unser Erzähler gerade erlebt.

Damals bei der "open-mike"-Siegerehrung, als die Jury schon den dritten und den zweiten Platz verkündet hatte und kurz davorstand, den Namen der Gewinnerin zu nennen, war ich – ein bisschen traurig. Auf Platz drei hätte ich mir nämlich durchaus Chancen ausgerechnet. Auf die Zwei schon nicht mehr so. Als nun Platz eins verkündet wurde, und der Juror sagte (nach einer richtig schönen langen "And-the-oscar-goes-to"-Pause): "Doris …", selbst da überlegte ich nur irritiert, welche andere Teilnehmerin auch Doris hieße. Dann sagte er meinen Nachnamen.

Bei Marcel Proust passiert dieser Moment, während der Erzähler die Morgenzeitung zur Hand nimmt: "Ich schlug den 'Figaro' auf. Wie ärgerlich! Gleich der erste Artikel hatte den gleichen Titel wie der, den ich selbst eingesandt hatte und der noch nicht erschienen war. Aber nicht nur der Titel, sondern auch die ersten Worte waren absolut die gleichen. Das war denn doch wirklich zu stark! Ich nahm mir vor, einen Protestbrief zu schreiben. Aber nicht nur einige Worte, alles war ebenso, und da war ja auch meine Unterschrift …" Proust Ende.

Herrlich. Dann beschreibt er, wie das Ego reagiert, wenn man versucht, den eigenen Text mit den Augen der Anderen zu lesen, aber – und das macht einen Riesenunterschied: Nach seiner Veröffentlichung, also quasi im Erfolgszustand. Zitat: "Diese Seiten, die sich, als ich sie niederschrieb, neben dem, was ich dachte, so farblos ausnahmen, so […] undurchsichtig neben meiner […] transparenten Vision davon […], hatten damals in mir nur das Gefühl meines […] Talentmangels verstärkt. Jetzt jedoch […] ereignete es sich, dass alle meine bildlichen Wendungen, meine Überlegungen […] – sobald ich sie ohne Erinnerung an das Scheitern betrachtete, das sie meiner Zielsetzung gegenüber bedeuteten […], mich durch ihren Glanz, ihre überraschende Neuheit, ihre Tiefe entzückten."

Proust leitet diese Ego-Verstärkung auch davon ab, dass man bei ausreichend großer Leserschaft selbst für einen miesen Text immer noch genug Bewunderer vermuten kann. Im Grunde kritisiert er literarischen Journalismus, um den man eben nicht so lang alleine ringt wie zum Beispiel um einen Roman.

Ich denk jetzt mal drüber nach, wie es sich aufs Ego auswirkt, wenn man schnell und viel veröffentlichen MUSS, zum Beispiel … wöchentlich im Radio. Bin ich genial? Talentlos? Oder einfach nur ein Rädchen im Betrieb?

Doris Anselm, rbbKultur

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