Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 60 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - "Die Entflohene" (29 + 30) und "Die wiedergefundene Zeit" (1 - 3)

Diese Woche biegen wir schon auf die Zielgerade ein: Wir beginnen mit dem letzten Band. Der trägt den Titel "Die wiedergefundene Zeit". Unsere mitlesende Kolumnistin Doris Anselm hat das dumme Gefühl, sie weiß schon wegen dieses Titels ungefähr, was noch so passieren wird im Roman.

Textklammer mit Kirche

Ein verbreiteter Trick beim Erzählen, im Journalismus ebenso wie in Spielfilmen, ist die sogenannte "Textklammer". Kennen wir alle, benutze ich auch ab und zu, vor allem, wenn wenig Zeit ist (im Text und für den Text). Die Sache soll irgendwie "rund" werden, wenigstens unsere Narrative sollen ein bisschen Sinn zaubern in dieses wahnwitzige Chaos von Welt da draußen. Also kommt das niedliche Hündchen vom Anfang der Geschichte, das wir schon ganz vergessen hatten, am Ende überraschend nochmal vorbei und macht ein Häufchen.

Von Marcel Proust hatte ich da irgendwie mehr erwartet. Aber schon bei seiner Titelgebung hätt’ ich mir denken können, dass auch er der Textklammer im Kleinen und Großen nicht widerstehen konnte: Wer so lange nach der verlorenen Zeit gesucht hat, will sie nach sieben Bänden halt auch wiederfinden.

Deshalb geht’s diese Woche für den Erzähler ab in die Gegend seiner Kindheit. Zum Glück lässt Proust den Mann zunächst scheitern beim Projekt, dort auch die inneren Empfindungen von damals wiederzubeleben (sonst wäre es echt zu kitschig). Aber er wandelt auf den gleichen Pfaden mit den gleichen Leuten. Zum Beispiel mit Gilberte, die er inzwischen nicht mehr liebt, so dass endlich eine Freundschaft möglich ist.

Prompt kommt heraus (in Klammern: Achtung, wieder Textklammer!), dass Gilberte ganz früher ebenfalls auf ihn stand und er längst alles von ihr hätte haben können, was er dann später hunderte Seiten lang ersehnte.

Und noch eine frühe Liebe des Erzählers kehrt zurück: Die Kirche von Combray. Ja, genau die, derentwegen der damals vielleicht zehnjährige Junge uns im ersten Band einen so unglaubwürdigen wie sterbenslangweiligen Architekturfakten-Wortschwall hingekippt hatte.

Aber keine Sorge, bei seinem Besuch jetzt liest sich die Sache ohne Stuckateurs-Latein schön melancholisch, Zitat: "Als ich in mein Zimmer hinaufging, war ich traurig, dass ich mir nicht ein einziges Mal die Kirche von Combray wiederangesehen hatte […]. 'Da kann man nichts machen, sagte ich mir, ich muss es lassen bis zu einem anderen Jahr, wenn ich bis dahin nicht gestorben bin', denn ich sah keinen anderen Hinderungsgrund als meinen eigenen Tod, da ich an den der Kirche nicht dachte, von der ich meinte, sie müsse mich noch lange überleben, so wie sie auch vor meiner Geburt schon lange gestanden hatte."

Danke, Danke, und bitte lass es damit jetzt auch gut sein, lieber Marcel Proust; bitte verzichte darauf, uns am Ende des Romans noch vom tatsächlichen Abriss oder Einsturz der Kirche zu unterrichten. Die beste Textklammer ist nämlich die, die ganz allein im Kopf der Lesenden entsteht.

Doris Anselm, rbbKultur

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