Ukrainische Flüchtende erreichen Polen – verzweifelter Fahrgast an einem Busfenster; © dpa/IPA/Salvatore Laporta
rbbKultur
Bild: dpa/IPA/Salvatore Laporta Download (mp3, 9 MB)

Auswirkungen auf unsere Psyche - Was machen die schrecklichen Nachrichten aus der Ukraine mit uns?

Die Nachrichten und Gespräche über den nahen Krieg in der Ukraine sind omnipräsent und lösen Ängste und Sorgen aus. Inwiefern machen sich die schrecklichen Nachrichten bemerkbar in der psychologischen Praxis? Und wie lässt sich dem entgegenwirken? Darüber sprechen wir mit Prof. Dr. Isabella Heuser, Psychologin und Psychiaterin sowie Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin.

Isabella Heuser-Collier, Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité; © dpa/Bernd von Jutrczenka
Prof. Dr. Isabella Heuser | Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

rbbKultur: Frau Heuser, welche Auswirkungen hat der Krieg so unmittelbar in europäischer Nähe auf die Menschen? Wie sehr bekommen Sie und Ihre Mitarbeiter:innen das in der Praxis zu spüren?

Heuser: Die unmittelbaren Auswirkungen eines solchen Krieges und dessen Ausweitung bekommen wir insofern unmittelbar zu spüren, dass unsere Patientinnen und Patienten, Menschen, die schon immer mit Depressionen bzw. Angsterkrankungen zu tun hatten, jetzt besonders empfindlich und ängstlich sind oder mit zunehmenden Ängsten und Verunsicherungen reagieren können. Diese sogenannten verletzlichen Gruppen - also Menschen, die psychisch schon mal eine Erkrankung durchgemacht haben - sind jetzt besonders von den schlechten Nachrichten betroffen.

rbbKultur: Sie sind dreifach aufgestellt: Sie sind in der Forschung, in der Lehre, aber auch in der Krankenversorgung tätig. Wie sind denn zum Beispiel die Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Menschen?

Heuser: Die älteren Menschen, das hören wir ganz häufig in unserer gerontopsychiatrischen Abteilung, haben zum Teil noch Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und an die Zeit danach. Sie können sich noch erinnern, als sie als Sechs- oder Zehnjährige in Bunkern saßen, in den Kellern hier in Berlin, in den Häusern und die Bombenangriffe mitbekommen haben. Die Sirenen, die geheult haben. Sie werden an so etwas wieder erinnert. Meine eigene 96-jährige Mutter sagte zu mir: Ich möchte so etwas nie mehr erleben.

rbbKultur: Durch die Corona-Pandemie, das haben wir immer wieder gehört, gibt es eine große Nachfrage nach psychiatrischen Therapien. Gibt es durch den Krieg in der Ukraine jetzt nochmal einen Anstieg zu verzeichnen?

Heuser: Was man verstehen muss: Wir sind sozusagen mehrfach getroffen - und zwar letztlich alle Bevölkerungsgruppen. Wir haben gerade mal wieder etwas den Kopf über Wasser. Wir kommen aus der Pandemie heraus, unter der alle Bevölkerungsgruppen gelitten haben. Anfänglich besonders die Älteren unter der Isolation, dann natürlich auch die Schüler:innen, Auszubildenden, die Studierenden und die jungen Familien im Aufbau oder auch diejenigen, die sich ein Geschäft oder eine kleine Firma aufgebaut haben oder als Selbstständige - zum Beispiel als Künstler - dabei waren, sich zu etablieren. Alle haben massiv unter der Corona-Pandemie gelitten.

Jetzt kommt wieder eine Drohung. Nicht nur, dass sich der Krieg unmittelbar ausweiten könnte - nein, die ganzen Kollateraleffekte eines solchen Krieges, der unmittelbar vor der Haustür stattfindet, wie zum Beispiel das diskutierte Energieembargo, die steigenden Inflationen bzw. die steigenden Benzin- und Lebensmittelpreise, die wir alle zu spüren bekommen. Das alles treibt die Ängste an. Man will sich gerade erstmal wieder konsolidieren - als Restaurantbesitzer, als Friseur, als freischaffender Künstler etc. - und jetzt kommt wieder so ein Horrorszenario.

Wie schwierig es ist, wenn Verunsicherung und damit eben auch Ängste um sich greifen, erleben wir täglich.

rbbKultur: Die große Frage ist, wie Sie und Ihre Psycholog:innen damit umgehen. Wie kann man den Menschen in dieser Situation denn helfen?

Heuser: Zum einen kann man Menschen relativ viel zutrauen. Der Mensch hält vieles aus. Der Mensch ist resilient, widerstandsfähig - auch psychisch widerstandsfähig. Und diese Resilienz, diese psychische Widerstandsfähigkeit, muss man nochmal stärken und herausholen.

Bei dem Gefühl, dass ich allem hilflos ausgeliefert bin, gar nichts machen kann, passiert etwas in einem Bereich, den ich nicht beeinflussen kann. Dieses Ohnmachtsgefühl muss man versuchen in ein Tätigkeitsgefühl umzuwandeln oder zumindest dahingehend zu modifizieren, dass man doch etwas tun kann. Etwas Konstruktives. Zum Beispiel, indem man sich jetzt schon überlegt, wie man selbst Energie einsparen kann. Was man im Kleinen tun kann, was man aber auch zum Beispiel für die Geflüchteten tun kann. Was man bereit ist zu tun. Wie man den eigenen Tagesablauf verändern könnte, um sich an die Gegebenheiten anzupassen.

Es gibt schon viele Möglichkeiten, um diese Unsicherheit und die damit wachsenden Ängste zu beeinflussen.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

Mehr

Der Morgen; © rbbKultur
rbbKultur

Spenden und Hilfsorganisationen - Ukraine: So können Sie den Menschen helfen

Der russische Einmarsch in die Ukraine hat weltweit Entsetzen ausgelöst, aber auch eine Welle von Solidarität und Hilfsbereitschaft in Gang gesetzt. Im Folgenden haben wir einige Möglichkeiten aufgeführt, wo und wie Sie helfen können - mit Geld- oder Sachspenden an Hilfsorganisationen und Schlafplätzen für Flüchtende.

Der Morgen; © rbbKultur
rbbKultur

Lage der Menschen - Russlands Krieg in der Ukraine

Am 24. Februar hat Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen - in der Erwartung eines raschen Sieges. Ein Ende ist nicht in Sicht, ebenso wenig wie eine politische Lösung. Die Zahl der Toten auf beiden Seiten steigt. Die Ukrainer kämpfen um ihre Unabhängigkeit, Russlands Präsident Putin sieht diese als "historischen Irrtum". Wie geht es weiter? Berichte, Meinungen, Gespräche zum Thema.