Der Morgen; © rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Marcel Proust | Kolumne - Lust und Frust mit Proust: "Warum mach ich das hier überhaupt?"

Seit einem Jahr und viereinhalb Monaten senden wir nun die Lesung von Marcel Prousts epischem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" auf rbbKultur. Kurz bevor am kommenden Donnerstag die letzte Folge bei uns im Radio läuft, wird es heute Zeit für einen kleinen Rückblick. Wir haben ein paar der schönsten Kolumnen für Sie herausgesucht, mit denen die Autorin Doris Anselm Prousts Werk seit Januar 2021 begleitet hat. Wir starten mit der allerersten, in der sich Doris Anselm fragt, warum sie das eigentlich macht.

Warum mach ich das hier überhaupt?

Wahrscheinlich stelle ich mir die brisante Frage lieber gleich am Anfang. Sonst überfällt sie mich noch hinterrücks, sobald der Weg in dieses siebenbändige Romangebirge die erste anstrengende Steigung kriegt. Vielleicht ist es sogar die Frage, die sich alle stellen müssen, die vorhaben "Auf der Suche nach der verloren Zeit" ganz zu lesen. Oder zu hören. Die Frage lautet: Warum mach ich das hier überhaupt? Und sie braucht eine persönliche Antwort. Also kein zeigefingerhaftes "Das sollte man gelesen haben". Nein, ich glaube, am besten ist ein ganz privater Proust-Antrieb. Meiner zum Beispiel ist der Wunsch, nicht länger ständig alles richtig machen zu wollen. Dafür ist dieses Projekt ideal. Jede Woche mehr als zwei Stunden Proust, und weniger als drei Minuten, um drüber zu reden – das kann man nicht richtig machen. Also können Sie sich beim Mitlesen erst recht entspannen.

Es gibt hier so viel Schönheit, dass wir auch ständig sehr viel Schönheit übersehen werden. Wenn wir uns mal verlaufen in den majestätisch-proustschen Satzformationen, wenn die Gedanken mal für eine volle Viertelstunde sonstwohin abschweifen – das macht nichts, das gehört dazu. Auf einer langen Bergtour analysieren Sie auch nicht jeden Stein am Wegesrand.

Erfreulicherweise gibt es auf unserer Wanderung schon recht früh Kuchen. Ja, die berühmten Madeleines haben ihren Auftritt bereits diese Woche. Meines Wissens das einzige Feingebäck, zu dem ungefähr hundert Jahre Literaturwissenschaft existieren. Vielleicht sind die Törtchen ja auch deshalb so berühmt geworden, weil bis Seite 63 noch die meisten Leser durchhalten, bevor ihnen die Prouste ausgeht – um gleich mal den ersten albernen Wortwitz einer (versprochen!) langen Reihe alberner Wortwitze zu reißen. Übrigens war die Madeleine in Wirklichkeit ein Zwieback, Wikipediawissen, akademischer wird’s nicht (ebenfalls versprochen). Im Gegenteil, es wird herzzerreißend und nervenzerfetzend. Wie bei Proust selbst. Diesmal zum Beispiel bei der Story mit dem Gutenachtkuss, den der kleine Marcel so heftig herbeisehnt. Dabei schlingert er mehrmals haarscharf an der Katastrophe und an der Erlösung vorbei, so dass die Spannung glatt für einen Thriller reichen würde. Oder für einen Anruf beim Jugendamt wegen Kindesvernachlässigung.

Spoiler Alert: Am Ende kriegt er den Kuss, muss dafür aber praktisch zum Stalker der eigenen Mutter werden.

Was für ein Roman! Fortsetzung folgt.

Doris Anselm, rbbKultur

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Der Morgen; © rbbKultur
rbbKultur

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed