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Der feine Unterschied - Die Feministische Kolumne - Der Fetischcharakter des Körpers

High Noon bei der Linkspartei – ganze Gruppen junger Frauen melden #MeToo-Alarm, die eine Vorsitzende ist schon zurückgetreten, die zweite unter Beschuss – aber es ist ja nicht so, dass die Linkspartei ein Monopol auf schmierige Typen hätte, erinnert unsere Kolumnistin Heide Oestreich. Und findet auch immerhin zwei gute Aspekte an einer ekligen Geschichte.

Der Fetischcharakter des Körpers

Ach, es ist so eklig, man möchte sich nicht damit beschäftigen. Ein Politiker, der sich brüstet, 17-jährigen Parteinachwuchs rumgekriegt zu haben, dem er davor das Blaue vom Himmel versprochen hat. Jetzt stammelt er bestimmt bald etwas von Privatleben und Konsens. Vorläufiges Resultat: Das Verhalten eines Mannes hat dazu geführt, dass junge Frauen aus Parteien austreten, eine Frau als Chefin sich für die Sache rechtfertigen muss und eine zweite Frau als Chefin zurücktritt - kein schlechtes Zwischenergebnis fürs Patriarchat.

Aber das Charmante am Feminismus ist ja diese Unverschämtheit, Un-Verschämtheit, im wahrsten Sinne des Wortes, dass er das Private für politisch erklärt hat. Das war immer eklig, es hatte mit schlechtem Sex und Gewalt und Blut zu tun – und hat aber dennoch ganz langsam über die Jahrzehnte hinweg den Gedanken in die Welt gepflanzt, dass der weibliche Körper vom patriarchalen Fetisch in das Eigentum seiner Bewohnerin übergehen muss. "Die Körper denen, die drin wohnen", das wäre eine schöne Parole für die Linkspartei. Die übrigens kein Monopol auf schmierige Typen hat, wie das jetzt manche behaupten, ich sag' mal "Reichelt ist überall", um beim Thema Parolen zu bleiben. Wo ein Zampano, da auch die Gefahr des zampanösen Machtmissbrauchs.

Wenn man jetzt mal tief durchatmet, dann gibt es am Ende aber natürlich ein paar gute Sachen, die aus dieser ekligen Geschichte folgen. Zur weiteren Entwicklung der Linkspartei wage ich lieber keine Prognose, aber Vorteil eins ist: Organisationen bekommen nun nochmal sehr deutlich vor Augen geführt, dass man Machtmissbrauch NICHT intern durch irgendwelche "Kontaktgruppen" aufklären kann, die selbst Teil des Machtgefüges sind. Das predigen die Fachberatungen natürlich schon seit Jahrzehnten, aber nun haben es wieder ein paar mehr Leute begriffen.

Vorteil zwei: Je mehr Menschen sich trauen, solche Missbrauchsszenen öffentlich zu machen, obwohl sie selbst dabei natürlich überhaupt nicht gut aussehen - wie die jungen hessischen Linken - desto nachhaltiger wird die Scham abgebaut. "Ich hab irgendwie mitgemacht, war irgendwie geschmeichelt, konnte mein ungutes Gefühl nicht artikulieren, bin ich vielleicht selbst schuld, ist es nicht voll peinlich, das jetzt rauszukramen" und, und, und.

Diese Gedanken sind groß und mächtig und die ganze Organisation tut meist nichts anderes, als sie noch einmal kräftig zu verstärken.

Klar wäre es schöner, wenn all diese Menschen schon ein souveränes Gefühl für sich und ihren Körper hätten. Aber so ist es leider nicht. Der Fetischcharakter des Körpers – den hat auch die Linke eben noch lange nicht enttarnt.

Heide Oestreich, rbbKultur