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Bild: Peter Zimmermann/dpa-Zentralbild

30 Jahre Deutsche Einheit - Mein DDR-Wort: Endversorgung

Zwei Gesellschaftssysteme, eine Mauer dazwischen - das hat sich auch auf die Sprache niedergeschlagen, in Ost und West hat sie sich durchaus unterschiedlich entwickelt. Manche Worte aus dem Westen hatten in der DDR keine Bedeutung, manche aus dem Osten in der BRD keine Entsprechung. Und nach der Wende sind so manche Ost-Worte aus dem Sprachschatz verschwunden. Zum 30. Jahr des Wendejubiläums wollen wir einige davon hervorholen und haben Menschen befragt: Was ist Dein DDR-Wort?

Hören Sie heute die Schriftstellerin Katja Lange-Müller mit dem Wort "Endversorgung".

Endversorgung – dies DDR-Wort erinnert übel an Begriffe wie "Endlösung" oder "Endsieg", aber etwas harmloser war die "Endversorgung" denn doch – und sie bedeutete, dass ein Bürger vom "Amt für Wohnraumlenkung" mit so viel Wohnraum zu versorgen war, wie ihm nach Auffassung der, "in dem Fall an den Kriterien der Menschenwürde orientierten Organe" zustand.

Jeder, egal ob Schulkind oder erwachsen, ledig, verheiratet oder geschieden, alleinerziehend oder verwitwet, hatte ein Mindestmaß überdachten Platzes für sich zu beanspruchen. Stimmte dies Mindestmaß, das für kleine und größere Kinder, für Kinderreiche, Kinderarme, Kinderlose, Verheiratete und Alleinstehende, für Rentner und Verwitwete unterschiedlich berechnet wurde, mit der im Mietvertrag angegebenen Quadratmeterzahl überein, galten die darin aufgeführten Personen, solange sich ihre jeweiligen Familienverhältnisse nicht änderten, als endversorgt. Für eine geschiedene Berufstätige mit einem 12- bis 18-jährigen Kind erfüllten anderthalb oder zwei Zimmer den Status "Endversorgt". Sicher konnte sie, falls das Kind schon über 18 war, also auf eine eigene vorläufige Endversorgung hoffen durfte, versuchen, ihre Zweizimmerwohnung gegen zwei Einzimmerwohnungen zu tauschen, etwa mit zwei heiratswilligen Kollegen, deren demnächst veränderten Endversorgungsanspruch die Behörde anerkannte, wenn ein standesamtlich beglaubigtes Aufgebot vorlag. Tauschen, zweimal ein Zimmer gegen einmal zwei, war oft der einzige Grund zur Eheschließung; die baldige Scheidung wurde, zwecks Rücktausch, gleich mitgeplant. So oder so: ein Raum pro Nase, Endversorgt!

Probleme machten in jenem "Arbeiter- und Bauernstaat" die Arbeiterfamilien, denn die waren meist "kinderreich". Doch Wohnräume, diese viereckigen Indizien für gewahrte Menschenwürde, konnten weder die Bauarbeiterfrauen noch die Bauarbeiter selbst zur Welt bringen. Stattdessen erschienen die Werktätigen aller Sparten jeden Montag bei den zuständigen Ämtern, jammerten, bettelten, drohten mit Eingaben – bis zu ihrem amtsschimmlig bitteren Ende – oder, in glücklicheren Fällen, bis zur Endversorgung, die gerne mal zehn Jahre und länger auf sich warten ließ.

Keine Endversorgung brauchten Parteifunktionäre, Spitzensportler, systemtreue Wissenschaftler und Kulturschaffende. Die hatten einen Sonderstatus und mussten niemals ein "Amt für Wohnraumlenkung" auch nur betreten. Genossenschaftsbauern konnten sich der Endversorgung ebenfalls entziehen, wenn sie ein Häuschen geerbt hatten, das sie dann zum Wohle ihrer Kinder und Kindeskinder fleißig ausbauten, nach oben, links und rechts, soweit das Grundstück, das Geld und die schwarz organisierten Materialien reichten.

Ja, so half gerade der eher konservative Bauernstand bei der Erfüllung des "Wohnungsbeschaffungsprogramms" für die – trotz mancher ge- oder misslungenen Republikfluchten und Ausreiseanträge – bis zum Schluss unterendversorgten DDR-Bürger.

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Hochprozentiger Deputat-Schnaps - auch "Kumpeltod" genannt © Jan-Peter Kasper/dpa
Jan-Peter Kasper/dpa

30 Jahre Deutsche Einheit - Mein DDR-Wort: "Kumpeltod"

Zwei Gesellschaftssysteme, eine Mauer dazwischen - das hat sich auch auf die Sprache niedergeschlagen, in Ost und West hat sie sich durchaus unterschiedlich entwickelt. Manche Worte aus dem Westen hatten in der DDR keine Bedeutung, manch aus dem Osten in der BRD keine Entsprechung. Und nach der Wende sind so manche Ost-Worte aus dem Sprachschatz verschwunden. Zum 30. Jahr des Wendejubiläums wollen wir einige davon hervorholen und haben Menschen befragt: Was ist Dein DDR-Wort?

Heute: Der Schriftsteller Ahne mit einer Kolumne über sein DDR-Wort - "Kumpeltod"

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Ein schwarz-rot-goldenes Herz steht in der Ausstellung "Weg zur Einheit" im Rahmen der EinheitsEXPO im Mittelpunkt von schwarzen, roten und gelben Stoffbahnen, Potsdam 2020; © dpa/Soeren Stache
dpa/Soeren Stache

Schwerpunkt - 30 Jahre Deutsche Einheit

Viereinhalb Jahrzehnte waren Berlin und Deutschland geteilt. 30 Jahre nach der Deutschen Einheit versuchen Ost und West weiter zusammenzuwachsen. Gleichzeitig bleiben die Spuren der Teilung bis heute sichtbar. Einen Radiotag lang und mit vielen weiteren Beiträgen blicken wir zurück – und nach vorne.