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Ein Jahr nach dem Attentat auf die jüdische Gemeinde - Was hat sich in Halle seit dem Synagogenanschlag verändert?

Am 9. Oktober vor einem Jahr - an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag - gab Stefan B. in Halle Schüsse auf die verschlossene Tür der Synagoge ab. Und erschoss anschließend, frustriert darüber, dass er nicht in die Synagoge hineinkam, zwei Menschen auf der Straße. Ein Gespräch mit der Feature-Autorin Duška Roth über die Auswirkungen des Anschlags.

rbbKultur: Frau Roth, mit welcher Frage vor allem sind Sie an die Arbeit für dieses Feature gegangen?

Roth: Die einfachste und naheliegendste Frage war: Was hat das mit uns getan? Ich muss dazu sagen, ich wohne selber in Halle, und das stach einfach hervor. Was passiert jetzt? Das ist ein Weltereignis - und das ist jetzt hier bei uns vor der Haustür, auf unserer Straße.

rbbKultur: Das ist eine sehr weite Frage, ein weites Feld. Wo haben Sie angefangen zu graben?

Roth: Ich habe versucht, verschiedene Ebenen einzubauen. Das erste war natürlich, mich in der Nachbarschaft umzuhören und zu schauen: wer war an dem Tag da? Wer hat was wie wahrgenommen? Erstmal nur die Augenzeugen zu erfassen, war schon schwierig genug. Der nächste Schritt war natürlich, direkt an die Betroffenen des Anschlags heranzutreten.

rbbKultur: Waren die Betroffenen bereit, mit Ihnen zu sprechen, sich zu öffnen?

Roth: Die Menschen aus dem Viertel, aus der Stadtgesellschaft, waren es. Allerdings gestaltete es sich bei den Leuten, die in der Synagoge waren und bei denen aus dem Kiez-Döner, natürlich anders. Man muss dazu sagen, dass die Mitglieder der jüdischen Gemeinde hier in Halle sehr betagt sind. Sie sind größtenteils aus der ehemaligen Sowjetunion und hatten nicht das große Interesse, an die Öffentlichkeit heranzutreten und waren sehr froh, in Ruhe gelassen zu werden. Herr Max Privorozki, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Halle, hat sich wunderbar dieser Aufgabe angenommen und schützend vor seine Gemeinde gestellt. Das muss ich akzeptieren, und es ist auch völlig in Ordnung, dass da kein Bedarf war darüber zu sprechen. Aber es waren auch viele junge Leute einer Gruppe aus Berlin in der Gemeinde, die sind sehr, sehr laut - und das finde ich gut so. Mit ihnen ins Gespräch zu kommen, war natürlich viel einfacher.

rbbKultur: Schauen wir auf die Stadt, in der sie leben. Hat sich Halle verändert durch den Anschlag?

Roth: Äußerlich natürlich nicht. Es gibt viele Kontinuitäten, die vorher schon da waren, die sich eigentlich hätten ändern müssen nach so einem großen Ereignis. Es gibt beispielsweise einen Mann, der montags und samstags auf dem Marktplatz von Halle rassistische, antisemitische Parolen hinausschreien darf – er tut es immer noch. Die Stadt gibt sich Mühe, dem entgegenzuhalten und die Zivilgesellschaft ist sehr stark. Es lässt sich auf jeden Fall beobachten, dass ein größeres Bedürfnis danach da ist, sich solchen Sachen entgegenzustellen. Was auf der politischen Ebene noch passiert - da ist noch viel Handlungsspielraum nach oben.

rbbKultur: Was erwarten Sie von der politischen Ebene?

Roth: Es geht ja nicht darum, was ich persönlich erwarte. Es geht hier in allererster Linie um die Betroffenen. Da sprechen wir zum einen von der Synagoge, vom Schutz jüdischer Gemeinden in Deutschland. Der war, wie es sich das hier in Halle gezeigt hat, einfach nicht vorhanden. Es war ja nicht nur so, dass man die Gefahrenlage falsch eingeschätzt hatte - man hat sie einfach gar nicht eingeschätzt. Dass ausgerechnet am höchsten jüdischen Feiertag keine Polizei vor der Synagoge steht, ist ein Thema, über das wir auf jeden Fall reden müssen.

rbbKultur: Hat sich denn der Schutz inzwischen erhöht?

Roth: Ja, das ist jetzt sehr sichtbar. Es steht ein Container, eine mobile Polizeiwache, vor der Synagoge. Es steht immer ein Polizeifahrzeug davor. Es wurden neue Kameras angebracht, die alte Tür wurde getauscht. Aber auch das ist wieder ein Politikum, weil es natürlich darum geht, wer für diese Sicherheitsmaßnahmen aufkommt. Bisher lag das in der Hand der jüdischen Gemeinde. Und so kann es natürlich nicht sein.

rbbKultur: Sie leben in Halle. Haben Sie überlegt wegzuziehen?

Roth: Nein, auf keinen Fall. Auch wenn es nicht fair klingt: Dieser Anschlag hat uns alle getroffen und betroffen, er war aber nicht an mich gerichtet. Insofern war das überhaupt kein Gedanke.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur