Volker Kutscher: Olympia; Montage: rbbKultur
rbbKultur
Bild: Piper Verlag

- Volker Kutschers neuer Rath-Krimi ist da: "Olympia"

Lang erwartet, ist er nun endlich da: der achte Roman der Kriminalroman-Reihe um den ambivalenten Kommissar Gereon Rath.

Volker Kutscher steigt mit seinem neuen Roman tief hinab ins dunkelste Deutschland. Oberkommissar Gereon Rath muss diesmal während der Olympischen Spiele 1936 ermitteln. Normale Polizeiarbeit ist aber nicht mehr gefragt. rbb Literaturredakteurin Nadine Kreuzahler hat ihn gelesen.

Berlin, Sommer 1936. Die Stadt ist im Olympia-Fieber. Weiße Fahnen mit bunten Ringen wehen mit Hakenkreuzflaggen um die Wette. Im Olympischen Dorf herrschen Lagerfeuerstimmung und internationales Flair – sogar die USA, die kurz zuvor noch mit dem Boykott der Spiele gedroht hatten, haben ihre Sportler nach Berlin geschickt. Die Welt ist zu Gast bei den Nazis und damit Teil der Propagandaschlacht. Die Schaukästen mit der "Stürmer"-Hetze wurden abmontiert, judenfeindliche Schilder ebenso. Hitler-Deutschland gibt sich weltoffen. So wundert sich der US-Gangster Abraham Goldstein, der für Geschäfte nach Berlin zurückkehrt, über die ungewohnte Freundlichkeit,

"einer Freundlichkeit, die zu Berlin nicht so recht passen wollte, nicht zu dem Berlin, von dem sie sich daheim in den Staaten erzählten. Von einer Stadt, in der die Regierung einen unverhohlenen, offenen Antisemitismus pflege, in der man als Jude nicht mehr arbeiten, nicht mehr leben, nicht mehr atmen könne. Davon hatte Abraham Goldstein bislang nichts gemerkt, im Gegenteil. Alle Berliner, alle Deutschen, ja selbst der Zollbeamte in Hamburg, hatten ihn, trotz des offenkundig jüdischen Namens in seinem Pass, mit nichts als ausgesuchter Höflichkeit behandelt."

ppell von SA u. SS vor Hitler im Berliner Sportpalast 1933 © akg-images
Bild: akg-images

Zerrissener zwischen den Fronten

Schon die letzten beiden Romane waren keine klassischen Polizistenkrimis mehr, auch sie spielten schon in der Zeit nach Hitlers Machtübernahme. Nun ist Volker Kutscher im Jahr 1936 angekommen. Oberkommissar Gereon Rath gerät immer stärker zwischen die Fronten von Sicherheitsdienst, Gestapo und SS. Heinrich Himmler ist Polizeichef und:

"Rath konnte es nicht ausstehen, wenn die SS im Zusammenhang mit der Kriminalpolizei von Kollegen sprach. Das Schlimme war nur, dass es stimmte. Seit Heinrich Himmler Polizeichef war, entsprach das genau den Tatsachen. (…)

Er wusste nicht, wie viele Kriminalbeamte inzwischen bei der SS waren, jedenfalls wurden es immer mehr. Sie trugen keine Uniform, doch führten sie neben ihrem Polizeidienstgrad nun auch ein SS-Rangabzeichen. Obwohl Rath dem SD und damit der SS zuarbeitete, hatte er sich bislang geweigert, diesen Schritt zu gehen, er war kein Parteimitglied und auch kein Mitglied in irgendeiner NS-Organisation, er war ein Kriminalbeamter vom alten Schlage. Und das wollte er auch bleiben.“

Wir steigen mit Gereon Rath immer weiter hinab ins düstere Deutschland bis in die Folterkeller der SS.

Das Olympische Dorf © akg-images
Bild: akg-images

Mord im Olympischen Dorf

Am Anfang aber steht ein Mord. Gereon Rath wird ins Olympische Dorf versetzt. Ein amerikanischer Sport-Funktionär ist im Speisesaal tot umgefallen und für SS und Gestapo ist klar: da ist eine kommunistische Verschwörung am Werk, um die Spiele zu manipulieren. Gereon Rath soll die Verschwörer finden. Heimlich verfolgt er aber eine andere Spur und trifft dabei auch seinen Pflegesohn Fritz wieder. Er war ihm und seiner Frau Charly wegen politischer Unzuverlässigkeit im letzten Roman "Marlow" weggenommen worden. Der 15jährige ist im Jugendehrendienst bei Olympia, er schwärmt für schwarze Sportler wie Jesse Owens und Hochsprung-Star Dave Albritten. Das macht ihn zur Zielscheibe einiger Hitler-Jugend-Kameraden. Außerdem hat Fritz zufällig gesehen, wie der amerikanische Sport-Funktionär gestorben ist.

"Er wollte nicht mehr daran erinnert werden und noch weniger wollte er darüber reden. Sie sollten ihn doch alle in Ruhe lassen. Auch Gereon. Gerade Gereon".

Reichssportfeld, Olympia 1936 © akg-images
Bild: akg-images

Die Diktatur zieht sich zu

Im Olympischen Dorf gibt es noch mehr Tote. Gereon gerät immer mehr unter Beschuss von allen Seiten und wird von seinem ehemaligen Kollegen Sebastian Tornow erpresst, der mittlerweile ein hohes Tier bei der SS ist.

Auch Charly hat schlimme Erinnerungen an Tornow. Sie steigt als Privatdetektivin in die Ermittlungen mit ein und darüber hinaus gibt es ein Wiedersehen mit Gangster-Bekannten aus früheren Rath-Romanen.

Während die Handlung mit Tempo und Spannung voranschreitet, ist der Alltag und das Leben in einer immer enger werdenden Diktatur das eigentliche Thema in "Olympia".

Während Charly sehr klar sieht, dass ihre Zukunft nicht in diesem Deutschland liegt, während sie mit ihrem Chef Juden gefälschte Pässe besorgt, hält Gereon an seiner Identität als Kriminalbeamter alter Schule fest. Er versucht sich durchzuwurschteln und um klare Standpunkte herum zu lavieren - was ihm immer weniger gelingt. Er wird zum Getriebenen und Zerrissenen.

"Olympia" ist ein atmosphärisch dichter Ritt durch über 500 Seiten, beklemmend, düster und gleichzeitig ein Pageturner.

Nadine Kreuzahler

Mehr

Der stumme Tod © ard
ard

Sechsteilige Hörspielserie - Der stumme Tod – Das Hörspiel zu Babylon Berlin

Zweite Staffel | Berlin 1930: Nach dem Börsencrash und der daraus resultierenden Weltwirtschaftskrise haben "Die Goldenen 20er Jahre" ein abruptes Ende gefunden. Kommissar Gereon Rath, der nicht ganz freiwillig von Köln nach Berlin wechselte, lebt sich zunehmend in der Hauptstadt ein, die einem rapiden Wandel unterworfen ist.

Der Tag; © rbbKultur
rbbKultur

Eine sechsteilige Podcastserie von Volker Heise - Herbst 1929 - Schatten über Babylon

Im Herbst 1929 begegnen und beeinflussen sich zwei Lebensläufe, die unterschiedlicher nicht sein können: die Lebensläufe von Alfred Hugenberg, Verleger und völkischer Politiker, und von Marlene Dietrich, Schauspielerin und kommender Weltstar. Der eine Lebenslauf führt in das Dritte Reich, der andere führt nach Hollywood. Im Herbst 1929 verweben sie sich eng ineinander, während die Republik von politischen Verwerfungen geschüttelt wird. Die Gesellschaft ist polarisiert, eine Wirtschaftskrise droht. Der Berliner Autor und Regisseur Volker Heise erzählt in einer neuen Podcastserie zum Start der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ über sechs Episoden hintergründig und spannend von den letzten goldenen Tagen der 20 Jahre: Die Zeit, bevor der Winter einbricht.