Loretta Stern; © Carsten Kampf
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Kinder- und Hörbuch "Der kleine Ton" - Loretta Stern: "Musik gehört zur emotionalen Bildung von Kindern"

Musik machen und hören kann so schön sein – und trotzdem ist es nicht immer leicht, genau das dem eigenen Nachwuchs zu vermitteln. Die Schauspielerin Loretta Stern hat sich deshalb eine Geschichte ausgedacht, mit der sie die Prinzipien ganz unterschiedlicher Musikstile erklärt. "Der kleine Ton" heißt das Buch, das dabei herausgekommen ist.

Loretta Stern ist mit ihrer Tochter Karline zu Gast auf rbbKultur und erzählt, wie sie auf die Idee gekommen ist.

rbbKultur: Karline, magst Du das Buch "Der kleine Ton" von Deiner Mama?

Karline: Das kann ich mit einem Wort erklären: total. Ich bin begeistert. (lacht)

rbbKultur: Was genau magst Du daran?

Karline: Ich finde es immer komisch, wenn Erwachsene sagen, dass sie es schade finden, "ihre" Musik jetzt nicht mehr im Auto hören zu können, weil ja nun die Kinder dabei sind - die hören ja nur diese nervige Kindermusik ...! Wenn die Erwachsene diese Musik doof finden, sollen sie sie auch nicht hören. Deshalb finde ich es toll, dass hier eine Kindermusik geschrieben wurde, die auch den Kindern vermitteln soll, wie toll Musik wirklich sein kann.

rbbKultur: Das Buch "Der kleine Ton" erzählt die Geschichte einer Note, die nicht mehr im Notensystem bleiben mag und sich auf Entdeckungsreise begibt. Wie ist es zu der Geschichte gekommen, Loretta Stern?

Loretta Stern: Ich habe mir die Geschichte eigentlich mitten im Leben ausgedacht - mit einem Freund, Bela Brauckmann. Wir haben die Geschichte gemeinsam geschrieben und auch die Musik dazu. Wir haben uns überlegt, was man für eine schöne Geschichte erzählen könnte - und irgendwie lag auch die Musik in der Luft. Wir wollten die Hörebene mitdenken.

Wir hatten dieses Bild von dem kleinen Ton vor Augen, dem wahnsinnig langweilig ist, weil sein Klavierkind ihn nicht kennt und der dann baumelt und vom Wind nach draußen geweht wird und dort den Klängen der Stadt und der Musik begegnet. Wir wollten Musik schaffen, die alle gerne hören, auch die Eltern. Wir wollten für schöne lange Autofahrten sorgen.

rbbKultur: Das Buch beschränkt sich nicht auf die Klassik. Den kleinen Ton zieht es auch zu Popmusik. Das ist doch aber recht ungewöhnlich?

Loretta Stern: Es ging uns darum, die Vielfalt von Musik von Anfang an zu vermitteln und aufzuzeigen: guckt mal, es gibt verschiedene Stile und Gefühle, die man mit Musik transportieren kann. Und es gibt verschiedene Genres, sodass die Kinder für sich selbst entscheiden können, was sie toll finden, wovon sie mehr möchten und ihre Eltern dann bitten, zum Beispiel mehr Jazz zu hören.

Wir möchten die Kinder an die Hand nehmen und ihnen Musik zeigen. Was Bela Brauckmann und ich beide nicht mögen, ist die Einteilung in U- und E-Musik. Ich finde, Musik ist Musik in all ihrer Vielfalt. Und die wollten wir über den Kindern auskippen.

rbbKultur: Karline, was hörst Du denn gerne?

Karline: Auf jeden Fall die Beatles! Gerade bin ich auch wahnsinnig begeistert von Annie Lennox, Freddie Mercury und David Bowie.

rbbKultur: Nun könnte man fragen, wozu ein Kind Musikwissen braucht, wenn nicht mal die Politik Musik als so wichtig zu erachten scheint und an Musikunterricht und Musikschulen spart. Warum war es Dir wichtig, dass Deine Tochter etwas über Musik weiß, Loretta?

Loretta Stern: Weil bei uns in der Familie Musik einfach dazugehört. Es vergeht kein Tag – das war schon auch schon vor Karlines Ankunft so - an dem wir zu Hause nicht gesungen oder Musik gehört oder geschaffen haben. Deswegen haben wir Karline von Anfang an in unserer Welt abgeholt, haben ihr Sachen vorgestellt und haben mit ihr gemeinsam musiziert. Und damit meine ich jetzt gar nicht ein bildungsbürgerliches "Du schlägst die Triangel auf der Eins und der Drei". Für Ringo Starrs Schlagzeugspiel bei "Yellow Submarine" haben wir ihr Töpfe und Kochlöffel hingestellt. Für ein paar Wochen war Ringo Starr ihr Held! Erinnerst Du Dich, Karline?

Karline: Ja, natürlich! Und mittlerweile bin ich auch der Meinung, dass Musik schon im Kindesalter zum Allgemeinwissen gehört.

Loretta Stern: Musik gehört zur emotionalen Bildung von Kindern dazu.

rbbKultur: Karline, Du bist zehn Jahre alt. Spielst Du selbst ein Instrument?

Karline: Ich lerne Klavier und Geige. Zuhause spiele ich ohne Lehrer auch ein bisschen Schlagzeug.

rbbKultur: In der Geschichte langweilt sich der kleine Ton, weil das Kind nicht üben möchte. Kennst Du das?

Karline: Wenn ich jetzt sagen würde, dass ich das nie erlebe, dann wäre das gelogen! Das ist auch einfach menschlich, dass ich nicht zehn Stunden am Tag super Lust habe, direkt nach der Schule zu üben – und zwar die ganze Nacht durch und den nächsten Tag und das Wochenende (lacht)! Ich bin auch nicht nur bei Instrumenten, sondern auch noch in einem Kinderchor an einem Opernhaus.

rbbKultur: Loretta Stern ist nicht nur Kinderbuchautorin, Schauspielerin und Moderatorin, sondern auch Musikerin. Die Songs zum Buch "Der kleine Ton" sind also aus dem Hause Stern gekommen?

Loretta Stern: Aus dem Hause Brauckmann-Stern, außerdem noch von einem weiteren Freund, Gunter Papperitz. Wir haben zu dritt die komplette Musik verzapft. Wir haben uns selbst die Aufgabe gestellt, zu jedem Musikstil auch die Gefühle der jeweiligen Musikwelt vermitteln zu wollen. Was macht ein Singer-Songwriter-Song mit Gitarre mit einem? Was sind die Inhalte, die jemand vermittelt? Was löst ein Popsong in Dir aus, der so einen verdammten Ohrwurm hinterlässt? Was macht Jazz mit Dir?

So sind wir nach und nach an diese Lieder rangegangen, die wir in der Geschichte schon definiert hatten. Dann haben wir befreundete Künstler und Freunde von Freunden von Freunden von Freunden gefragt und so eine ganz tolle Gästeschar für das Album versammeln können. Diese haben dann jeweils die Stücke mit uns finalisiert.

rbbKultur: Wie verändert sich jetzt die Art der Wissensvermittlung durch Karline?

Loretta Stern: Ich habe das Gefühl, dass so die Erlebniswelten, die wir gemeinsam beschreiten, für mich auch noch mal spannend sind. Die Herausforderung besteht darin, dass Karline sich wirklich für Gott und die Welt interessiert und den ganzen Tag Fragen stellt. An vielen Punkten muss ich selber überlegen. Und ich stelle mir die Herausforderung, es so zu erklären, dass sie es versteht. Ich halte nichts von "Ach, da bist du noch zu klein für". Ich kann höchstens an meine Grenzen gelangen – und dann versuchen wir gemeinsam, auf YouTube etwas über Atomspaltung zu finden!

Ich möchte ihr gerne die Welt erklären und das ist eine tolle Aufgabe. Mittlerweile erklärt sie mir die Welt!

Das Gespräch führte Carolin Pirich, rbbKultur