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Bild: Nikolaj Lund

Carolin Pirich im Gespräch mit Joana Mallwitz - Joana Mallwitz zu ihrem Haupstadtdebüt mit dem Konzerthausorchester

Frauen am Dirigentenpult sind eher selten – auch heute noch. Umso bemerkenswerter ist die Karriere, die Joana Mallwitz gemacht hat. Sie dirigierte mit 20 das Orchester des Theaters Heidelberg und wurde mit 27 Generalmusikdirektorin in Erfurt. 2019 wurde sie von den Kritikern der Zeitschrift Opernwelt zur "Dirigentin des Jahres" gewählt. Am Samstag, den 28. November, leitet sie das Orchester des Konzerthauses Berlin.

rbbKultur: Frau Mallwitz, Sie kommen gerade aus der Probe. Was ist die Kernbotschaft, die Sie dem Orchester für das morgige Konzert vermittelt haben?

Mallwitz: Es sind zwei Dinge. Auf der einen Seite ist diese besondere Situation. Die ganze Energie geht von Probe zu Probe bis zur Premiere des Konzertes hin – und dann wird niemand dort im Saal sitzen. Es ist schon merkwürdig, sich das vorzustellen. Man kann sich gar so nicht richtig vorstellen, wie viele Menschen zu Hause vor dem Computer oder dem Radio sitzen und live mithören, weil man einfach nicht diese Energie eins zu eins vom Publikum im Saal hat. Darauf muss man sich einfach einstellen. Das ist für alle von uns eine besondere Situation.

Das andere ist aber auch, dass wir alle, die Musiker*innen des Orchesters und ich, diese Musik in den letzten Monaten schon mit anderen Ohren hören. Gerade bei Schubert, in dessen großer C-Dur Sinfonie es so viele glückselige und triumphale Momente gibt, hat man das Gefühl, dass einen zwischendurch das Schicksal schlägt (lacht). Wenn man weiß, wie Schubert gelebt hat, wie fleißig er war und was für schwere Zeiten er auch hatte – all diese Melancholie spiegelt sich in der Musik wider. Ich glaube schon, dass wir durch diese Krise die Dinge auch noch einmal mit anderen Ohren hören und uns ihnen näher als sonst fühlen.

rbbKultur: Sie wollten wegen der "Unvollendeten Sinfonie" von Schubert Dirigentin werden …

Mallwitz: Das stimmt, die Unvollendete war tatsächlich ein einschneidendes Erlebnis damals im Frühstudiengang in Hannover. Im Unterricht hieß es: das ist eine Partitur, das ist Schubert. Was seht ihr da, was hört ihr da? Spielt mal vor, transponiert und instrumentiert das mal neu – und ich habe mich einfach total in dieses Stück verliebt. Ab dem Moment war mir klar, dass ich mein Leben mit diesem Werk und diesem Repertoire verbringen und ich dirigieren lernen muss.

rbbKultur: Sie haben in Ihrem Leben alles relativ früh gemacht. Mit dreizehn Jahren haben Sie das Musikstudium in Hannover begonnen, mit zwanzig haben Sie zum ersten Mal in Heidelberg ein Orchester dirigiert, mit 27 wurden Sie Generalmusikdirektorin in Erfurt – die jüngste in Europa. Hat sich das für Sie auch so schnell angefühlt, wie es sich anhört?

Mallwitz: Nein, in dem Moment fühlt sich das nicht so an. Weil man gar nicht weiß, was einem passiert. Dieser Weg war überhaupt nicht so geplant und viele Dinge sind einfach so passiert. Dass ich dann so schnell nach Heidelberg ans Theaterfest ging, war im Rückblick genau die richtige Entscheidung, weil ich dort das Gefühl hatte, den Opernbetrieb von Grund auf kennengelernt zu haben, das Repertoire bearbeitet zu haben. Es ist ja doch so, dass man als Dirigent*in erst dann gut wird, wenn man viele, viele Jahre Erfahrung hat. Ich dachte mir, wenn ich am Anfang jung bin, heißt das, dass ich später, wenn ich älter bin, schon ein paar Jahre mehr gemacht habe. Und älter wird man von selbst, da muss man nichts tun (lacht)!

rbbKultur: Im Sommer haben Sie die Wiener Philharmoniker dirigiert. Eigentlich ein berühmt-berüchtigtes Orchester. Wie war das denn für Sie?

Mallwitz: Das war natürlich schon ein sehr besonderer Sommer – durch so viele Dinge. Es waren lauter Debüts für mich – mit den Wiener Philharmonikern und auch bei den Salzburger Festspielen zum ersten Mal zu sein – dann noch in dieser besonderen Situation, wo nichts lief. Niemand durfte das, was wir dort durften!

Eigentlich wäre ich für die "Zauberflöte" engagiert gewesen, die dann abgesagt werden musste, weil die Besetzung auf der Bühne zu groß war mit den vielen Sängern und Statisten. Stattdessen wurde es dann die "Così fan tutte" mit sehr viel kleinerer Besetzung und reduziertem Bühnenbild. Das war wirklich ganz, ganz besonders. Wir alle, der engste Kreis, haben uns in einen kompletten Lockdown begeben, damit auch wirklich nichts schiefgeht. Es hat aber alles gepasst: die Besetzung der Sänger, die Regie, die musikalische Seite und die Arbeit mit dem Orchester. Das war wunderbar, weil es so eine riesige Fokussierung und Konzentration und auch Freude war, das machen zu dürfen.

rbbKultur: Heute sind Sie Generalmusikdirektorin in Nürnberg – und über die bayerischen Landesgrenzen hinaus bekannt sind auch Ihre "Expeditionskonzerte". Wie sehen die aus?

Mallwitz: Die Idee zu den "Expeditionskonzerten" hatte ich schon, als ich in Erfurt als Generalmusikdirektorin anfing. Sie ist einfach auf diesem Gefühl heraus entstanden, wenn man über den Noten sitzt, eine tolle Stelle vor sich hat und denkt, dass man das am liebsten allen zeigen würde, weil die Leute gar nicht wissen, was sie verpassen!

Es ist ein lockeres Konzertformat ohne Pause – auch nicht im Frack, sondern ein bisschen "normaler". Es sind moderierte Konzert und ich habe den Flügel immer vorne, damit kann man einiges ganz gut erklären. Ich bin mit dem ganzen Orchester zusammen auf der Bühne und erzähle ein bisschen was zum Werk, manchmal zu verschiedenen Stellen, manchmal auch mehr über den Komponisten oder andere Werke, die die Komposition vielleicht bedingt haben oder damit in Verbindung stehen. Es geht einfach darum, dass alle im Publikum ihre Ohren spitzen. Und dann wird auch das ganze Werk zusammen nochmal von A bis Z gespielt und zusammen erlebt.

rbbKultur: Morgen Abend wird es um 20:15 Uhr eine Konzerteinführung geben, die auch live übertragen wird. Kann man sich diese Einführung so ähnlich wie ein "Expeditionskonzert" vorstellen?

Mallwitz: Die Expeditionskonzerte sind schon ein eigenes Format, die ich auch nur in Nürnberg mache. Bei dem Konzert morgen ist es eine Einführung mit Orchester – ich erzähle ein bisschen was zum Werk, um ein paar Stellen schon mal kennenzulernen, um auch Schubert nahezukommen. Und Schubert kann man eben nur durch die Musik nahekommen.

Wir dachten außerdem, dass ein Streaming-Konzert wunderbar ist, um Musik live zu spielen und rauszusenden an unser Publikum. Gleichzeitig ist es niemals ein Ersatz für ein Live-Konzert. Deshalb geben wir mit der Einführung ein kleines Extra, um etwas näher dran zu sein an den Musiker*innen und an der Musik.

rbbKultur: Sie sagen, dass Sie vor Konzerten Ruhe brauchen. Was machen Sie morgen vor dem Konzert in Berlin?

Mallwitz: Morgen werde ich ehrlich gesagt gar nicht viel machen. Alle Menschen um mich herum wissen, dass ich an den Konzerttagen nicht gut ansprechbar bin (lacht). Ich werde sicher noch ein paar Stunden über der Partitur sitzen und relativ früh damit anfangen, mich zu konzentrieren. Man kann auch gar nicht so viel machen, weil der Körper den ganzen Tag über auf Sparflamme ist, um dann richtig hochfahren zu können!

Das Gespräch führte Carolin Pirich, rbbKultur