Volker Kutscher; Foto: Gregor Baron
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Volker Kutscher zu seinem Roman "Olympia" - "Demokratie bietet viele Mitwirkungsmöglichkeiten außerhalb des Meckerns"

Volker Kutschers Romane sind die Vorlage für die Verfilmung "Babylon Berlin" und Bestseller. "Olympia", der achte Band der Reihe, spielt im Sommer 1936 während der Olympischen Spiele. Gereon Rath soll nach dem Mord an einem amerikanischen Sportfunktionär im Auftrag der SS im Olympischen Dorf ermitteln. Und gerät dabei selbst in den Fokus des NS-Sicherheitsapparates.

Frank Meyer spricht mit Volker Kutscher über das Buch, die Serie "Babylon Berlin" und darüber, wie er das Jahr 2020 erlebt hat.

rbbKultur: Herr Kutscher, für Viele war 2020 dieses blöde, gefährliche Corona-Jahr. Ein Jahr zum Vergessen. Für Sie, mit all dieser Präsenz auf ganz verschiedenen Kanälen, war es doch eigentlich ein ganz besonders gutes Jahr, oder?

Kutscher: Das ist immer die Frage, von welcher Warte aus man das sieht. Weil ich ganz ehrlich zugeben muss, dass mich Corona genauso plagt und nervt wie es wahrscheinlich jeden anderen plagt und nervt.

Wobei ich das Glück habe, dass ich jetzt weder finanziell noch gesundheitlich davon betroffen bin. Daher will ich auch gar nicht großartig jammern. Aber das war für mich tatsächlich auch ein etwas schräges Jahr. Selbst das Schreiben war irgendwie komisch, weil der Ausgleich fehlte, weil man nicht mal am Wochenende rauskonnte, keine Leute getroffen hat.

Irgendwie ist das ein ganz anderes Lebensgefühl. Der Input fehlt, die Inspiration – wie auch immer man das nennen will. Mann kann das nicht so genau greifen. Ich bin, wenn ich ehrlich bin, schon froh, wenn es wieder normaler wird.

rbbKultur: Was fehlt Ihnen am meisten? Kino, Theater, Museen, Freunde treffen?

Kutscher: Alles eigentlich. Letztendlich geht es natürlich um andere Menschen. Natürlich auch die Kultur. Das kann man ja auch meistens miteinander verbringen. Kultur kann ich jetzt auch noch haben. Ich kann ein gutes Buch lesen. Ich kann Radio hören. Ich kann auch im Radio Musik hören. Ich kann auch fernsehen …

Aber dass man es eben nicht mehr als öffentliches Ereignis, wo man auch mit anderen Menschen darüber spricht, sich austauscht, das zusammen erlebt - das ist ja ein ganz anderes Erlebnis. Und das fehlt mir sehr, da bin ich sicher nicht der Einzige.

Ich glaube auch, dass man in diesen Zeiten, wo man Leute nicht treffen kann, merkt, wie wichtig es einem doch ist rauszugehen, unter Leuten zu sein und eben auch gemeinsam ins Theater, ins Kino, in Konzerte zu gehen.

Wie wichtig das letzten Endes ist, selbst wenn man sich, wie ich eigentlich für einen Menschen hält, der auch gerne mal um gut alleine sein kann - aber eben nicht nur.

rbbKultur: In Ihrer Schreibklausur haben Sie an dem Roman geschrieben, der jetzt vorliegt: "Olympia". Ihre Reihe hat 1929 mit dem ersten Gereon Rath-Roman begonnen. Jetzt sind Sie mit "Olympia" im Jahr 1936 angekommen. Der Roman spielt fast ausschließlich während der Tage der Olympischen Spiele in Berlin. Warum haben Sie sich diese Tage rausgepickt?

Kutscher: Was denn sonst im Jahr 1936! Das ist natürlich das entscheidende Ereignis in diesem Jahr. Das ist so reizvoll. Es gibt diese Bilder, die immer noch unterwegs sind - vor allen Dingen dank Frau Riefenstahl, dank ihres Films. Diese Bilder von Olympia, die viele von uns gesehen und im Kopf haben, sind Propagandabilder, die bis heute wirken.

Mir ist es unter anderem in diesem Roman auch darum gegangen, diese Propaganda ein bisschen zu entlarven und zu zeigen, was da wirklich los war. Dass es eben eine verlorene Propaganda-Show war, damals in Berlin. Die Spiele sind den Nazis ja in den Schoß gefallen und sie haben dieses Geschenk dann genutzt - und tatsächlich auch erfolgreich genutzt, um sich als weltoffenes, friedliches Land zu geben. Was Deutschland ja durchaus auch sein kann, aber damals, mit dieser Regierung, nicht war. Und diese Verlogenheit, die wollte ich zeigen.

rbbKultur: Das zeigen Sie, indem Sie zum Beispiel von Besuchern aus dem Ausland erzählen, die nach Berlin kommen und dann sagen: es sind doch alle ganz freundlich hier. Wir sehen gar keine Anzeichen von Judenfeindlichkeit. Ist doch alles Propaganda, was wir sonst hören. Das nutzen Sie unter anderem, nicht wahr?

Kutscher: Ja, weil diese Anzeichen von Antisemitismus auch ganz bewusst entfernt wurden. Das zeigt ja auch, wie verlogen das war. Ganz prominent: Die Stürmer-Schaukästen, diese roten Schaukästen, die überall, nicht nur in Berlin, aushingen. "Der Stürmer", dieses antisemitische Hetzblatt, eines der ekelhaften, wenn nicht überhaupt das allerekelhafteste Blatt, das zu Nazi-Zeiten erschienen ist.

Diese Kästen wurden abgehängt, als hätte es die Zeitung niemals gegeben. Wenn sie hängen blieben, dann wurden da andere Zeitschriften reingehängt. Jedenfalls sah man nichts. Oder antisemitische Schilder an Ladenlokalen, die ja meist gar nicht von Regierungsseite kamen, sondern von privat dahin geschraubt wurden. Das wurde alles abgemacht und verdeckt, damit man bloß keinen falschen - oder eben richtigen Eindruck – machte in der sogenannten Gräuelpropaganda der "Lügenpresse" im Ausland.

Dieser Begriff war damals auch schon unterwegs, um zu zeigen: es ist ja gar nicht so, wie ihr immer schreibt - obwohl es eben so war.

rbbKultur: Für mich war dieses Buch insofern ein Schock, weil ich Ihrem Ermittler Gereon Rath wiederbegegnet bin. Ich kannte den ersten Roman, da ist er ja schon ein Sympathieträger, kein ganz einfacher Charakter, aber doch irgendwie ein guter Typ. Und jetzt arbeitet er auch im Auftrag der SS? Was ist denn in den letzten Büchern mit ihm passiert?

Kutscher: Da ist konkret etwas passiert. Er ist erpressbar geworden, das können Sie im Vorgängerroman "Marlow" nachlesen. Ich will nicht zu viel erzählen, das wird auch kurz angetippt im "Olympia"-Roman. Man kann quereinsteigen, weil die Dinge, die vorher passiert sind, kurz angerissen und erklärt werden, wie es ja auch immer ist bei Romanen, dass die Figuren eine gewisse Backstory haben.

Wenn Sie allerdings die Romane schön der Reihe nach lesen, was ich empfehlen würde (lacht), dann haben Sie diese Backstory sehr ausführlich.

rbbKultur: Verstanden ... Gereon Rath versucht also irgendwie durchzukommen und gleichzeitig mit seinem Gewissen klarzukommen – gleichzeitig muss er für den NS-Staat arbeiten. Er ist in einer Zwischenhaltung, die vielleicht - zumindest für einen Teil der Deutschen dieser Zeit - nicht ganz untypisch ist …

Kutscher: Ja, mit Sicherheit. Es war nicht unbedingt immer Erpressbarkeit. Ich denke, es war bei vielen auch die Verführbarkeit, weil man in diesem Staat natürlich auch Karriere machen konnte mit der richtigen Weltanschauung. Dieser Begriff wurde damals immer gebraucht. Der Nationalsozialismus war eine Weltanschauung.

Wenn man sich da entsprechend fleißig hervortat, hatte man durchaus Aufstiegschancen. Die soziale Mobilität war in der Nazi-Zeit nicht kleiner als zu Republik-Zeiten. Da haben sich viele in der Tat auch korrumpieren lassen.

rbbKultur: Wie ist das mit Charlotte Ritter, der zweiten Hauptfigur? Wie würden Sie ihre Haltung zu dieser Zeit beschreiben?

Kutscher: Charlotte ist eine gestandene demokratische Preußin. Sie sieht sich sozusagen in den besten preußischen Traditionen. Dazu muss man auch noch sagen, dass Preußen zu Zeiten der Weimarer Republik der stabilste demokratische Staat im Deutschen Reich war. Noch demokratischer, als es das Reich schon längst nicht mehr war. Das wird gerne mal vergessen, weil Preußen immer gerne als die Inkarnation des Bösen in Deutschland gesehen wird.

Es gibt definitiv einige sehr unheilvolle preußische Traditionen, die sich die Nazis zunutze gemacht haben. Aber es gibt eben auch diese andere Seite, und dafür steht Charlotte. Sie ist demokratisch durch und durch. Sie ist pflichtbewusst in dem Sinne, dass sie schon ihr Gewissen einsetzt und nicht blind dem jeweiligen Staatslenker nachläuft. Sie sieht das Staatenwesen als das, was es ja eigentlich ist: als der Versuch von Menschen, in einer sehr großen Gemeinschaft zu leben, in der es möglichst gerecht zugeht.

Das sieht sie im Nationalsozialismus nicht mehr gegeben. Deswegen ist sie von Anfang an auch ganz klar dagegen - was ihr Mann leider nicht so ist. Er ist auch nicht dafür, er ist ohnehin erstmal gegen Politik, will sich aus allem raushalten. Mit dieser Haltung kann er sich zu Weimarer Zeiten sowieso und auch in den ersten Nazi-Jahren so einigermaßen durchmogeln. Im Jahr 1936 geht das nicht mehr.

rbbKultur: Im Jahr 1936 sollte Ihre Gereon Rath-Reihe eigentlich enden, dieser Roman sollte der letzte sein. Bleiben wir mal bei diesem ursprünglichen Plan: Warum sollte 1936 Schluss sein?

Kutscher: Daran ist eigentlich Adam Riese Schuld (lacht). Mein Konzept war ein sehr grobes, weil ich nicht weiß, was im nächsten Roman passiert. Das weiß ich auch jetzt nicht. Wohin die Reise geht, entscheidet sich letzten Endes immer beim Schreiben. Als ich "Der nasse Fisch" schrieb, hatte ich aber schon von Anfang an diese Reihe im Hinterkopf. Ich wollte über das Jahr 1933 hinausgehen, wollte die Weimarer Republik in ihrem Sterben und das Dritte Reich in seinem Wachsen und wie es sich dann mal schneller, mal langsamer etabliert, begleiten.

Und da war das grobe Konzept: vier Romane Republik, vier Romane Diktatur - immer schön Jahr für Jahr – das habe ich immer beibehalten. Und nach Adam Riese bin ich dann eben im Jahr 1936 rausgekommen und habe mir auch damals schon gedacht: wunderbar, Olympia - was für eine tolle Kulisse, das nehmen wir gerne mit.

Mit ist dann ziemlich schnell klar geworden – das habe ich auch bei Lesungen gemerkt: so genau kennen sich viele Menschen mit dem Dritten Reich gar nicht aus. Und das Jahr 1938 – und da will ich ja jetzt hin erzählen - ist für mich auch der Punkt - mit der Progromnacht am 9. November - wo der endgültige Zivilisationsbruch vollzogen wird und wirklich klar wird, wohin die Reise geht. Das Jahr 1936 ist zu sehr von Propaganda überdeckt, da konnte ich einfach nicht aufhören.

rbbKultur: Zwei Romane werden also noch folgen. Wie ist das für Sie, diese Figuren, die Ihnen wahrscheinlich auch ans Herz gewachsen sind, da immer weiter hineinzuführen in diese mörderische Zeit?

Kutscher: Das ist schwierig, keine Frage. Das ist schon in Band 5 schwierig geworden, wo ich im Jahr 1933 angekommen bin. Ich schreibe immer aus der Perspektive meiner Figuren heraus, sie haben Wünsche und Hoffnungen und da wurde mir natürlich bewusst, wie sehr ich diese Hoffnungen enttäuschen muss.

Die Demokratie ist nicht zu retten, wie es Charlie zum Beispiel noch im März 1933 gehofft hat. Das hat aber alles nicht funktioniert. Diese ganzen Hoffnungen, das tut schon weh. Und es wird ja auch immer düsterer jetzt - für alle meine Figuren letzten Endes.

rbbKultur: Sie haben über Ihre Romanreihe gesagt, Sie wollen mit ihr nachvollziehbar machen, wie ein Land wie Deutschland abrutschen kann. 2007 ist Ihr erster Gereon Rath-Roman "Der nasse Fisch" herausgekommen. Seitdem ist politisch eine Menge passiert: Finanzkrise, Trump, Brexit, AfD, rechtspopulistische Regierungen in europäischen Ländern. Hat das Ihr Roman-Projekt noch dringlicher gemacht?

Kutscher: Ja, offensichtlich ist es das irgendwie geworden. Das ist jetzt nicht nur theoretisch, sondern auch eine ganz praktische Frage, die sich uns stellt. Einfach die Frage: wie stabil ist unsere Demokratie? Wird sie halten oder wird sie nicht halten?

Was mir wirklich in den vergangenen Jahren klar geworden ist - und das war mir in den ersten Jahren, wo ich die Romane geschrieben habe, so nicht klar - dass auch unsere Demokratie, die ja wirklich ein gutes Grundgesetz hat, auf guten Beinen steht und auch eigentlich eine ganz gute Akzeptanz genießt in der Bevölkerung, dass auch die sehr, sehr fragil ist und nicht in Stein gemeißelt.

Dass sie auch vor allen Dingen abhängig ist von uns, von allen, die das große Glück haben, darin leben zu dürfen, diese Freiheiten zu genießen, diese Chancen, die das alles bietet. Das ist, glaube ich, so ein bisschen in Vergessenheit geraten bei all der Meckerei. Demokratie bietet unglaublich viele Mitwirkungsmöglichkeiten außerhalb des Meckerns.

Natürlich liegt vieles im Argen, das will ich gar nicht bestreiten. Da kann man auch gerne weiter dran arbeiten. Aber dass das Grundmodell eine parlamentarische Demokratie, wie wir sie haben, sein sollte - das ist, fürchte ich, nicht so weit verbreitet wie ich mir wünschen würde. Viele Menschen sind zu gleichgültig. Das ist eine Sache, wo man wirklich mal einen Vergleich ziehen kann zwischen damals und heute. Ansonsten aber stehen die Vergleiche zwischen Ende der 20er Jahre und heute auf sehr wackligen Beinen.

rbbKultur: … die werden ja gerne gezogen, diese Vergleiche - aber Sie sind gar nicht dafür?

Kutscher: Nicht so platt. Ein bisschen mehr selber nachdenken muss man schon, finde ich. Und vor allem hat das etwas Fatalistisches - von wegen: ach ja, damals! Und heute auch wieder: alles wird den Bach runtergehen!

Nein, muss es eben nicht. Wenn wir rechtzeitig etwas dagegen tun. Erwachen aus der Gleichgültigkeit, in der viele verharren. Die Leute zum Nachdenken zu bringen, das ist mir wichtig. Auch die Menschen, die sagen: ich will mal einen spannenden Krimi lesen und interessiere mich für das Berlin der 20er/30er Jahre als Nostalgiker.

Deswegen auch der lange Atem dieser Reihe, dass man mit den Figuren wirklich diese Zeitenwende miterlebt und dann hoffentlich auch, wenn man bei den Bänden ab 1933 angelangt ist, erschrickt und sagt: oh Mist, diese Nazis, über die gelacht wurde, die wir nicht so ernst genommen haben, die sind ja jetzt an der Macht. Stimmt, so war das damals.

rbbKultur: Wie geht es Ihnen eigentlich mit der Serie "Babylon Berlin"? Erkennen Sie Ihre Figuren, die Sie im Kopf haben, wieder, wenn Sie die Serie sehen?

Kutscher: Nein, meine Figuren sind zum Teil anders angelegt. Und natürlich sehen sie auch anders aus in meinem Kopf. Wobei sie schon sehr gut gecastet sind in der Fernsehserie, gerade die beiden Hauptfiguren Liv Lisa Fries und Volker Bruch. Die machen einen tollen Job. Ich bin immer ganz begeistert, wenn ich die beiden sehe. Aber es ist auch von der Erzählweise her ein bisschen anders angelegt.

Es sind zwei verschiedene Projekte, die ähnliches wollen und eine ähnliche Welt wiederbeleben - mit ihren jeweils unterschiedlichen Mitteln. Das finde ich sehr schön. Wobei ich immer sagen muss, wenn die Rede auf "Babylon Berlin" kommt: ich freue mich auch über andere Adaptionen meiner Romane. Die Hörspiele zum Beispiel, die mir sehr gut gefallen. Es gibt eine Comic-Adaption von "Der nasse Fisch" von Arne Jysch und Arne arbeitet auch gerade daran, den "Stummen Tod" zu einem zu machen.

rbbKultur: Da kann man sich gar nicht vorstellen, dass Sie Schwierigkeiten hatten, den ersten Band überhaupt unterzubringen. Es hat anderthalb Jahre gedauert, bis Sie einen Verlag gefunden haben. Wie hat sich Ihr Leben verändert durch diesen Riesenerfolg? Geldsorgen haben Sie wahrscheinlich keine mehr?

Kutscher: Ich kann gut vom Romanschreiben leben. Das ist natürlich eine Sache, die ich mir so nicht erträumt hätte. Das Gute ist, dass dieser große Erfolg, der jetzt da ist, nicht über Nacht kam. Das ging in langsamen Schritten. Erst mit den Romanen ging das langsam los, die Fangemeinde wurde immer größer von Roman zu Roman.

Mit der Verfilmung war es ähnlich. Als ich mich zum allerersten Gespräch mit Tom Tykwer getroffen habe, war noch nicht klar, welch riesige Dimensionen das Ganze annehmen würde, dass sie so viel Geld reinstecken würden. Das Riesenprojekt, das es jetzt geworden ist, war nicht abzusehen. Und so ist eben alles nach und nach gewachsen.

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur