Bjarne Mädel © Gregor Baron
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Bjarne Mädel, Schauspieler - "Ich habe sinnlich-körperlich gespürt, was Menschen anderen Menschen antun auf der Welt"

Berühmt wurde der Schauspieler Bjarne Mädel durch seine Rollen als "Tatortreiniger" oder als Dorfpolizist in der Serie "Mord mit Aussicht". Dass Bjarne Mädel auch ernste Rollen beherrscht, hat er nicht zuletzt in der Romanverfilmung "Unterleuten" gezeigt. Nun ist er in der Verfilmung eines Falls von Ferdinand von Schirach zu sehen: in "Feinde" spielt er einen Kommissar, der foltert, um ein entführtes Mädchen zu retten.
 
Bjarne Mädel ist zu Gast auf rbbKultur und spricht über Recht und Gerechtigkeit.

rbbKultur: Herr Mädel, in "Feinde" geht es um Ferdinand von Schirachs Lieblingsfrage: dem Verhältnis von Gerechtigkeitsempfinden und Rechtsprechung. Hat sich Ihre persönliche Ansicht darüber durch die Arbeit verändert?

Mädel: Ja, das hat sie. Ich spiele einen Polizisten, der über die Grenze geht und Folter anwendet. Der tut das, weil er schon einmal Leute in seinem Beruf als Polizist verloren hat, für die er verantwortlich war. Er möchte nicht, dass ihm das nochmal passiert. Er möchte ein Kind retten und übertritt deshalb diese Grenze. Ich dachte, ich habe alle Leute auf meiner Seite mit dieser Rolle. Jeder, der Kinder hat, würde natürlich alles tun, um sein Kind zu retten – und ich dachte, meine Figur ist im Recht, wo ist das Problem?

Und dann, im Laufe dieses Prozesses, musste ich feststellen, dass der Anwalt leider recht hat. Er hat ein paar sehr gute Argumente. Was mich am meisten überzeugt hat, war die Frage, wer das entscheiden darf. Wenn man ein Verhör hat und man an Informationen herankommen will – wer entscheidet dann, ob man Gewalt anwenden darf oder nicht und in welcher Form?

Das hat mich überzeugt. Dass wir Gesetze haben, die wir uns als Gesellschaft erarbeitet haben – und an die müssen wir uns halten. In erster Linie ist es natürlich die Polizei, die das Gesetz vertritt. Es hat jetzt nicht komplett mein Weltbild verändert, ich habe da vorher nicht wirklich drüber nachgedacht, dass es so einen gravierenden Unterschied geben kann zwischen meinem Gerechtigkeitsempfinden und dem, was eigentlich richtig ist oder was Recht ist. Das fand ich extrem spannend.

rbbKultur: Mich hat dieser Polizist, den Sie spielen, an seiner Seite. Das ändert sich dann intellektuell, wenn die Fragen diskutiert werden, was ein Polizist darf und was nicht. Aber vom Gefühl her bin ich natürlich an seiner Seite. Ich will den Verbrecher verurteilt sehen.

Mädel: Das ist ja auch spannend. Obwohl meine Figur am Ende erkennen muss, dass er etwas falsch gemacht hat aber trotzdem, in einer vergleichbaren Situation, genauso wieder handeln würde – davon bin ich überzeugt. Auch wenn er weiß, dass es nicht dem Recht entspricht und dass die Gefahr besteht, dass er trotzdem nicht die Wahrheit rauskriegt – er würde trotzdem so handeln. Weil der Druck so groß ist. Die Zeit wird immer knapper und man kann ein Kind retten - da tut man glaube ich alles, was man sich vorstellen kann, um an diese Information ranzukommen.

rbbKultur: Was mich verwirrt, ist das Wort "Feinde "im Titel. Das Wort taucht in beiden Filmen auf. Sind diese beiden Männer, der Polizist und der Anwalt, wirklich Feinde?

Mädel: Nein. Ich finde tatsächlich auch, dass der Titel ein bisschen irreführend ist. Ich würde eher sagen, dass das zwei Seiten einer Medaille sind. Sie haben ein großes Verständnis füreinander. Der Anwalt versteht ja auch, warum ich als Polizist so gehandelt habe, und sagt auch irgendwann als Privatperson: Für mich sind Sie ein Held - was ich privat denke, ist hier nicht die Frage. Als Anwalt muss ich Ihnen sagen, dass Sie schuldig sind.

Ich verstehe aber auch den Anwalt, die Seite, die er vertritt. Insofern sind das eher zwei Seiten, die diesen Fall beleuchten. Aber so wirklich Feinde sind sie nicht.

rbbKultur: Für uns als Zuschauer*innen ist das ungewöhnlich: zwei Varianten einer Geschichte, zwei Filme. War das für Sie bei der Arbeit auch ungewöhnlich? Oder haben Sie Ihren Job so gemacht, wie Sie ihn immer machen?

Mädel: Man denkt da nicht die ganze Zeit drüber nach. Wirklich besonders war, dass wir die Szenen vor Gericht, das ist der zweite Teil, ein typisches Kammerspiel, tatsächlich zweimal drehen mussten. Man macht das beim Film ja sowieso alles häufiger. Als wir dann das Material für einen Film, den Nadler-Film (Polizist), gedreht hatten, kamen danach eben noch die Drehtage, wo wir das Ganze noch mal für den Biegler-Film (Anwalt) machen mussten, weil das ganz eine andere Ästhetik hat und anders gefilmt wurde. Der Film des Anwalts ist eher langbrennweitiger aufgenommen und sehr schön gefilmt. Der Film, der den Polizisten verfolgt, ist eher etwas wackeliger, nah dran mit der Handkamera.

Insofern war das echt das Besondere. Als man dachte, jetzt haben wir alles, musste man den ganzen Kram nochmal von vorne machen. Das war so ein bisschen doppelte Arbeit. Ansonsten gab es aber keinen großen Unterschied zu anderen Dreharbeiten.

rbbKultur: Ihre Figur ist einem erstmal wahnsinnig sympathisch und bleibt einem auch sympathisch, denn er ist ein Mann, der immer wieder auch in sich hineinhorcht, der immer wieder von sich selbst auch verunsichert ist. Sie machen das mit einer ganz feinen Mimik. Es gibt wenige Szenen, in denen Sie körperlich groß auftrumpfen, alles spielt sich eher in Ihrem Gesicht ab. Über Ihr Gesicht kann ich scheinbar in die Seele dieses Mannes gucken. Wie machen Sie das?

Mädel: Oh, das ist so eine schöne Frage. Wie mache ich das? Ich weiß es nicht. Es ist natürlich mein Beruf, das darstellen, veräußern zu können - aber eigentlich nur über den richtigen Gedanken. Gerade bei so einem Schirach-Text muss man gar nicht mehr viel draufsetzen. Man muss einfach das Richtige denken - und anscheinend ändert sich dann etwas in meinem Gesicht zum Glück.

rbbKultur: Nehmen Sie sich selbst dann sozusagen zurück?

Mädel: Ich denke da gar nicht über mich als ich selber nach in dem Moment. Ich bin dann eher beim Text und denke das, was ich da zu denken habe in der Situation. Es ist ein bisschen schwer, es wird so schnell esoterisch, wenn man solche Sachen bespricht. Aber ich versuche mich tatsächlich immer sehr leer zu machen, nicht privat viel mitzunehmen. Gerade wenn es um Massenszenen gibt, wo viele Leute am Tag dran sind und man so viele Stunden miteinander verbringt, sage ich mir vorher eigentlich immer: so, mein Ego lasse ich jetzt mal schön zu Hause heute.

Insofern denke ich nicht über mich oder wie ich dabei wegkomme nach. Klaus Maria Brandauer hat vorher in einer eine Leseprobe, als wir uns das erste Mal kennengelernt haben, zu mir gesagt: Bjarne, wenn wir zusammenbleiben, kann uns gar nichts passieren. Damit meinte er einfach, wenn wir am Gedanken bleiben, dann trägt uns dieser Text.

Dieses Kammerspiel war eine echt spannende Aufgabe. 45 Minuten sind es ja fast, die ich nur auf dem Stuhl sitze. Ich wusste von vornherein, ich habe da nicht viele Möglichkeiten, körperlich zu spielen - außer mit den Händen und mit meinem Gesicht. Zum Glück hat das beides so viel hergegeben.

rbbKultur: Sie haben eben fast ausschließlich über das Denken, über das Nachdenken gesprochen. Aber haben Sie sich beim Spielen auch Gefühle geleistet?

Mädel: Ich habe immer die Tendenz, dass ich etwas Lustiges antworten möchte. Das muss ich gar nicht, oder? Ich habe privat keine Gefühle! (lacht)

Tatsächlich habe ich mir in einer Szene Gefühle erlaubt. Nach der Folterszene war es der Regie und mir ganz wichtig zu zeigen, dass dieser Nadler das eben nicht leichtfertig tut. Dass er zwar diese Grenze überschreitet, aber dann selber erschüttert ist davon, zu was er fähig ist. Erschüttert darüber, dass er das gerade gemacht hat und selber so erschreckt.

Das zu spielen war ein toller Moment, weil ich das auch wirklich nach dieser Szene irgendwann so empfunden habe. Da war ich wirklich sehr dünnhäutig. Ich muss den tollen Kollegen Franz Hartwig mehrfach unter Wasser setzen und war verantwortlich, dass ihm körperlich nichts passiert. Da war eine enorme Konzentration und Anspannung in der Szene.

Ich habe sinnlich-körperlich gespürt, was Menschen anderen Menschen antun auf der Welt - und zwar jeden Tag. Und die haben dann nicht die Möglichkeit, so wie wir, mit einem geheimen Zeichen das Ganze zu beenden, sondern es wird wirklich gefoltert. Auch aus niederen Gründen.

Das habe ich in dem Moment so im Körper gehabt und fand das sehr widerlich. Ich war tatsächlich selber auch ein bisschen erschrocken, wie unangenehm sich das angefühlt hat, so eine Szene zu spielen. Und das meine ich wieder gar nicht esoterisch, sondern ganz konkret. Das war wirklich ein sehr intimer Moment, dass der Kollege mir auch so vertraut, dass da nichts passiert.

rbbKultur: Dieses Nachdenken über Gewalt in unserem Alltag - ist es vor allem das, was Sie uns Zuschauer*innen vermitteln wollen? Dass wir darüber nachdenken, dass wir dafür sensibilisiert werden?

Mädel: Ich fand diesen Moment toll. Aber was das ganze Projekt einem jetzt alles an Möglichkeiten gibt, darüber nachzudenken, das kann ich gar nicht auf einen Satz runterbrechen. Ich finde einfach toll, dass es so ein Projekt gibt, über das man sich wirklich unterhalten kann. Wo man wirklich danach diskutieren oder sich überlegen kann: was würde man denn machen? Wie kann man sich gesellschaftlich aufstellen, dass man in solchen Momenten besser an Informationen kommen und Geiseln retten kann? Wie weit wäre man bereit selber zu gehen in so einer Situation?

Das sind alles spannende moralische, gesellschaftliche Fragen. Insofern finde ich gut, dass das Projekt überhaupt Fragen aufwirft und einem nicht einfach nur eine Geschichte von A bis Z erzählt, sondern dass man etwas zu denken bekommt – das finde ich ganz angenehm.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur