Iveta Apkalna © Gregor Baron
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- Iveta Apkalna, Organistin

So leise wie ein Windhauch, so laut wie ein ganzes Orchester - dieses Wunderwerk aus Pfeifen, Tasten und viel Technik versteckt sich oft in Kirchen, und da geht nicht jeder rein. Um sie sichtbarer zu machen, haben die Landesmusikräte die Orgel zum "Instrument des Jahres 2021" erklärt. Zum Auftakt des "Orgeljahres" ist Iveta Apkalna bei uns zu Gast. Die Lettin konzertiert nicht nur in der Hamburger Elbphilharmonie, wo sie Titularorganistin ist, sondern in Kirchen und Konzertsälen auf der ganzen Welt. Eben ist eine CD mit Werken der französischen Romantik erschienen, aufgenommen auf der größten Orgel Asiens.

rbbKultur: Frau Apkalna, steht bei Ihnen zu Hause auch eine Orgel?

Apkalna: Ich habe das Riesenglück, zwei Orgeln zu Hause zu haben. Eine in meiner Heimat Riga, die andere in meiner zweiten Heimat Berlin. Beide Wohnungen haben eine Orgel, weil ich tatsächlich jeden Tag üben muss.

Es sind Digitalorgeln, die ich als Instrumente zum Üben sehr genieße. Ich finde, dass im Lernprozess eines neuen Werkes die Klarheit, die zum Bespiel durch Kopfhörer direkt in meine Ohren kommt, genau das Richtige für mich ist. Vor allem kann ich selbst entscheiden, wann und wie lange ich üben darf.

rbbKultur: Sie müssen also keine Rücksicht auf die Nachbarn nehmen?

Apkalna: Richtig. Aber das tue ich nicht nur für die Nachbarn, sondern auch für die technische Klarheit, die ich von mir verlange.

rbbKultur: Die Orgel ist "Instrument des Jahres 2021" - auch deshalb, um sie populärer zu machen. Ist die Orgel den meisten zu altmodisch?

Apkalna: Ich habe mein Instrument, die Orgel, nie altmodisch gesehen oder gehört. Ich weiß aber, dass diese Meinung immer existierte und immer noch existiert. Aber meiner Meinung nach gibt es kaum etwas Moderneres und Interessanteres als die Orgel. Die Orgel wächst mit der Zeit, mit deliktischer Modernisierung und auch mit der Ästhetik des Klanges. Eigentlich ist sie sehr modern in der Wirkung.

Natürlich baut man die Orgel genauso wie vor vielen Jahrhunderten, aber trotzdem - was das Musikalische betrifft – ist die Orgel ein sehr faszinierendes und modernes Instrument. Auf der Orgel kann man immer neue Welten entdecken - vor allem, weil wir Konzertorganist*innen immer auf anderen Konzertorgeln spielen dürfen. Wir reisen und bespielen viele Konzerte in Kirchen und Kathedralen. Die Neugier ist immer in uns und ich glaube, so geht es auch dem Publikum.

rbbKultur: Also klingt jede Orgel anders?

Apkalna: Für mich schon. Wenn ich manchmal dieselbe Orgel im gleichen Raum nach zwei Monaten oder zwei Jahren wieder spiele, klingt sie ganz anders für mich - weil ich schlichtweg ein anderer Mensch bin. Vielleicht ist auch die Temperatur im Saal eine andere und vor allem ist das Programm ein anderes. Das ist eine fantastische und faszinierende Welt.

rbbKultur: Was ist für Sie der Grundcharakter dieses Instruments?

Apkalna: Der Grundcharakter ist tatsächlich das, was viele schon öfter gehört haben: Die Orgel ist ein sehr klanggewaltiges Instrument. Und hier möchte ich ab sofort unterstreichen und betonen, dass diese Klanggewalt nicht unbedingt Lautstärke bedeutet!

Für mich sind vor allem die zarten und wirklich sehr tiefen und dadurch tief berührenden Töne der Orgel noch faszinierender und wichtiger. Ich suche in diesem Instrument immer genau das, was eine Orgel von einer anderen unterscheidet. Dass man, wie in einem großen Orchester, binnen kleinster Sekunden und Millisekunden eine phänomenale große, fabelhafte Welt erschaffen kann - mit Dynamikbreite, Klangdynamik und auch emotionaler Dynamik.

Wie wir das machen, liegt natürlich in unseren Händen und Füßen, aber der Effekt des Unerwarteten und dem, was manchmal über unsere Köpfe, Ohren und Augen kommt, bringt mich immer wieder zum Staunen.

Es gibt immer neue Facetten, neue Schichten zu entdecken. Allein deshalb ist die Orgel meiner Meinung nach modern.

rbbKultur: Die größte Konzertorgel in Asien steht in Kaohsiung in Taiwan und stammt von der deutschen Orgelbauerfamilie Klais, so wie die Orgel in der Elbphilharmonie in Hamburg. Wie haben Sie sich auf die Orgel in Taiwan vorbereitet, auf der Sie auch Ihr neuestes Album "Widor & Vierne" aufgenommen haben?

Apkalna: Man muss sich an die Orgeln immer herantasten. Es ist egal, wie groß oder wie klein die Orgel ist und in welchem Raum sie steht. Ich brauche viel Zeit allein mit diesem Instrument im Raum. Und nach einer Weile, meistens nach ein paar Tagen, verstehe ich den Charakter dieser Orgel. Oft versteht man nach dem ersten Konzert, was genau es ist, was diese Orgel am besten auszeichnet und was es ist, das ich unbedingt das nächst Mal auf ihr spielen möchte.

Das ist genauso wie mit Menschen.

Diese temperamentvollen Dialoge, der zwischen mir und dem Instrument entstehen, brauchen Zeit. Ganz wichtig ist es auch, eine gewisse Aufmerksamkeit und Neugier in sich zu tragen und nicht zu denken: ich habe schon vieles gesehen, ich habe schon vieles erlebt – das werde ich auch jetzt schaffen. Nein, ich bin immer neugierig - ein bisschen wie ein kleines Kind oder eine junge Studentin. Ich bin immer auf alles vorbereitet, aber ich weiß auch, dass solche Orgeln - besonders wie die in Taiwan - mich auf unterschiedliche Weise überraschen können. Man muss natürlich auch immer experimentierfreudig sein.

Ich möchte auf dem Instrument experimentieren und nicht die stilistischen "Vorschriften" der Orgel hundertprozentig annehmen. So war das auch in Kaohsiung.

rbbKultur: Ich weiß von ihrem Kollegen Cameron Carpenter, ebenfalls ein bekannter Organist, dass er sich eine Reiseorgel bauen ließ, die er mitnimmt. Das ist eine andere Herangehensweise als Ihre …

Apkalna: Das stimmt. Dadurch können wir Orgelmusik zu Menschen und an Orte bringen, an denen das sonst nicht möglich gewesen wäre. Das habe ich auch selbst schon erfahren. Bei meinem großen Konzert am Strand in Lettland vor 5.000 Leuten bei Sonnenaufgang - dort wäre es nicht möglich gewesen, für dieses Publikum auf einer Pfeifenorgel zu spielen.

Oder auch in Konzertsälen, die gerne ein großes Repertoire für Orgel, Orchester und Chor hören möchten, aus verschiedenen Gründen aber keine Orgel einbauen können. Die nutzen dann gute moderne Digitalorgeln. Dagegen habe ich nichts. Ich finde, die Musik ist das Wichtigste.

rbbKultur: Cameron Carpenter hat auf seiner Reiseorgel während des ersten Lockdowns vor Pflege- und Seniorenheimen gespielt …

Apkalna: Das fand ich auch fantastisch! Das ist eine phänomenal gute Idee. Chapeau!

rbbKultur: Wie sind Sie überhaupt zur Orgel gekommen?

Apkalna: Jeder von uns hat ein eigenes Schicksal. Für ein Mädchen, das im sowjetischen Lettland geboren ist, war an Kirche und Orgel eigentlich nicht zu denken. Nur bin ich zur richtigen Zeit gewonnen worden und durfte auch unsere "Singende Revolution" 1990 erleben.

Als ich 14 Jahre alt war, wurde Lettland wieder unabhängig und die Kirchentüren und auch die Orgeln standen wieder offen.

Und da waren es wieder meine Neugier und Experimentierfreude, die es mir ermöglichten, in meinem Heimatort als erste Studentin in der ersten Orgelklasse Lettlands anzufangen. Und ich dachte: ja, das probiere ich mal! Ich war bereits Klavierstudentin und habe weiter beide Instrumente studiert.

Da kamen wichtige Momente in meinem Leben zusammen. Und schon zwei Jahre später durfte ich als Organistin den Gottesdienst von Johannes Paul II. auf seiner Lettland-Visite begleiten. Ich glaube, das war ein Segen. Ich habe mich einfach in die Orgel verliebt.

rbbKultur: Sie leben in Riga und in Berlin. Welche Orgel legen Sie den Berlinern und Brandenburgerinnen ans Herz?

Apkalna: Ich bin ein großer Freund des Konzerthauses Berlin und freue mich schon auf den 12. September 2021, da soll das Abschlussfest im Rahmen des "Instrument des Jahres"-Projekts stattfinden.

Im Konzerthaus Berlin habe ich auch schon oft spielen dürfen und ich bin sehr froh, dass ich dort alle meine musikalischen Ideen schon seit Jahren verwirklich darf.

Das Gespräch führte Carolin Pirich, rbbKultur