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Dieter Kosslick | Autobiographie - "Immer auf dem Teppich bleiben"

Dieter Kosslick: 18 Jahre lang war er der stets gut gelaunte Strippenzieher und kreative Kopf der Berlinale. Viele seiner Erinnerungen aus dieser Zeit - was er bewegt hat und was schief ging - hat er in einem Buch niedergeschrieben mit dem Titel "Immer auf dem Teppich bleiben". Er erzählt darin seine Lebensgeschichte und wie er sich die Zukunft des Kinos wünscht.

rbbKultur: Herr Kosslick, die Berlinale 2021 wird aufgeteilt werden in einen Branchen- und einen Publikumsteil im Sommer. Sind Sie froh, dass Sie gerade nicht Berlinale-Direktor sind?

Kosslick: Es ist nicht der einfachste Job. Ich drücke meinen Kollegen und Kolleginnen die Daumen, dass das klappt. Zwei Berlinalen zu machen - das hatten wir in dem Sinne ja noch nicht. Aber es gibt dadurch einen wirklich witzigen Zufall: Es gibt mal wieder eine Berlinale im Sommer. Das haben sich viele gewünscht, die auf dem Teppich gebibbert haben.

rbbKultur: Man erfährt aus Ihrem Buch viele Geschichten aus Ihrer 18-jährigen Zeit als Berlinale-Chef. Aber man erfährt auch erstaunliche andere Dinge aus Ihrem Leben. Ich greife mal eine Geschichte heraus: 1979 waren Sie persönlicher Referent von Hamburgs Bürgermeister Hans-Ulrich Klose. Wären Sie da fast in die Politik statt zum Film abgebogen?

Kosslick: Ja. Ich war vorher nie im Rathaus. Ich hatte in München studiert und kam da völlig unbeleckt rein. Dann hatten wir aber drei harte Jahre. Das war die Zeit, als Klose einen Skandal nach dem anderen hatte bzw. – ich bin ganz vorsichtig, was ich sage – ihm angehängt worden ist. Wir hatten den Stoltzenberg-Skandal, wir hatten den Ausbau (des Kernkraftwerks) in Brokdorf - es war eine bewegte Zeit. Nach drei Jahren trat Klose zurück und ich habe mich entschlossen, nicht weiterzumachen. Obwohl das eine Karriere ergeben hätte - wenn man schon mal Büroleiter eines Ministerpräsidenten ist. Wenn man die Sprache der Jugendlichen nimmt: es war mir zu unterirdisch. Die haben sich jeden Tag die Beine weggehauen und eigentlich brauchte man 90 Prozent der Kraft, um seinen Stuhl zu behalten. So etwas zu machen, war eine interessante Erfahrung. Aber ich war einfach zu jung. Ich möchte mein Leben nicht so verbringen.

rbbKultur: Zu den schönsten Anekdoten, die Sie in Ihrem Buch erzählen, gehört die Geschichte mit den Rolling Stones. Die waren hier in Berlin bei der Berlinale, weil Martin Scorsese einen Film über sie gedreht hatte. Die Stones wollten dann unbedingt ein Hotel ohne Baustellenlärm bekommen, so hat es ihr Management gefordert. Erzählen Sie doch bitte, wie das weiterging …

Kosslick: Sie können sich vorstellen, wie groß die Entourage ist - die Leute, die so eine weltbeste und große Band begleiten. Man hat einen Vertrag abgeschlossen und der Direktor des Hotels Vier Jahreszeiten bzw. des Regent Hotels hat unterschrieben, dass da keine Baustelle ist. Hätte er aus dem vierten Stock des Hotels herausgeguckt, hätte er gesehen, dass dort das Humboldt Forum, Europas größte Baustelle ist! Das hatte er irgendwie übersehen ... Als dann diese Truppe kam und vorher checkte, ob alles sauber und schön ist, sagten die: "Sagt mal - da drüben steht ein Kran! Die Stones kommen nicht!"

Ich konnte nicht glauben, dass es so einen Vertrag gibt! So war es dann. Das war der Tag der Berlinale-Eröffnung, da musste gehandelt werden - und die Stones waren da schon im Anflug und die Baustelle musste die stillgelegt werden. Gott sei Dank gab es einen Rolling Stones-begeisterten Bauleiter aus Berlin, der gesagt hat: "Naja, okay – so lange sie nicht im Hotel sind … Aber dafür müsst ihr ein paar Sandwiches rüberwachsen lassen und auch noch ein bisschen Bier". Was wir auch gemacht haben. Die Sandwiches für die Arbeiter kamen aus dem Regent Hotel, die haben gut gegessen und getrunken - und es war Ruhe.

Aber das Ganze war natürlich ein Affenzirkus! Ich habe dann später mit Keith Richards geredet und ihm stolz erzählt, dass wir alles stillgelegt haben und die Band ihre Ruhe hätte. Da sagte er zu mir: "Ey, cool - aber das hättest Du nicht machen müssen! Nach 50 Jahren Rockmusik hören wir doch sowieso nicht so gut!" ...

Aber es war natürlich ein gigantisches Erlebnis. Auch für mich, als Rock 'n' Roller aus einer Kleinstadt, war das natürlich der Höhepunkt. Time was on my side.

rbbKultur: Für die Zukunft des Kinos scheint es gerade sehr düster auszusehen, weil auch die härtesten Streaming-Gegner jetzt aufgeben und sich darauf einlassen müssen, um Filme zu sehen. Die Kinos sind und bleiben vorerst geschlossen. Die Pessimisten sagen, es werden dadurch sehr viele Kinos eingehen. Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos?

Kosslick: Wenn es keine öffentliche Unterstützung für die Kinos gäbe, dann würde es wirklich schwierig werden. Die können nicht ewig durchhalten. Aber es gibt Gott sei Dank Unterstützung und ich denke, ein Weilchen können die Kinos noch durchhalten.

Ich habe das Gefühl, dass während dieser Zeit, in der wir jetzt leben, die Leute wirklich viele, viele, viele Dinge vermissen. Aber sie vermissen auch Kultur. Und dazu gehört natürlich das Kino. Ich habe das Gefühl, dass es, wenn alles wieder besser geht, ein großes Comeback des Kinos gibt. Aber es wird, wie es so schön heißt, alles anders sein als vorher. Und das bezieht sich auch darauf, wie die Zukunft des Kinos und des Films sein wird. Ein Aspekt ist auf jeden Fall, dass der Film nachhaltiger produziert werden muss, dass viel mehr ökologische Kriterien auch im Kunstsektor und in der Filmkultur beachtet werden müssen. Die neuen Fördergesetze werden viel nachhaltiger organisiert sein und gesetzliche Vorschriften beinhalten. Das wird eine neue Welt geben für den Film, das Kino und auch für das Fernsehen. Das muss sich auch daran halten, denn was die meisten Leute vergessen haben: 2050 soll Europa klimaneutral sein. Können Sie sich das vorstellen? Das sind noch 29 Jahre. Und dazu muss jeder etwas beitragen.

Das ist der eine Punkt. Der zweite Punkt ist vielleicht noch viel wichtiger für die Zukunft des Kinos: Wir dürfen die Kinder, die Schüler und die Kleinkinder nicht den Bildschirmen überlassen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie einmal in der Woche ins Kino gehen. Das klingt jetzt komisch: die Kinder müssen ins Kino – ich meine es total ernst! Sie müssen einmal ins Kino, um festzustellen, dass es einen Unterschied gibt, wenn man einen Film wie "Ben Hur" auf der großen Leinwand oder auf der Armbanduhr sieht.

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das vollständige Gespräch können Sie als Audio nachhören.