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Bernd-Jürgen Fischer, Proust-Übersetzer - "Ich habe mich zehn Jahre in Marcel Prousts Welt vertieft"

Marcel Prousts Jahrhundertroman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" – wer kann sich schon als Kenner der Materie bezeichnen, außerhalb der Fachwelt der Literaturwissenschaft? Bernd-Jürgen Fischer kann das getrost. Denn der Linguist und Autor hat vor einigen Jahren eine eigene Übersetzung des Proust-Romans vorgelegt. Und er hat ein Marcel-Proust-Album herausgebracht.

rbbKultur: Herr Fischer, wir sind auf rbbKultur in einer richtigen Marcel Proust-Phase. Wir senden seit Beginn des Jahres eine tägliche Proust Lesung. 329 Folgen lang hören wir uns durch "Die Suche nach der verlorenen Zeit". Diese Lesung bei uns ist für manche vielleicht der Einstieg in diesen Großroman. Wann hat Sie das "Proust-Fieber" befallen?

Fischer: Das "Proust-Fieber" hat mich befallen, als ich das erste Mal den Text auf Französisch gelesen habe und da ein ganz neues Leseerlebnis hatte. Die Übersetzung von Eva Rechel-Mertens kannte ich damals schon gut. Die habe ich gelesen, als ich beim Bund war.

rbbKultur: Das war die erste komplette Übersetzung von Marcel Proust aus den 1950er-Jahren …

Fischer: Ja, und die hatte ich mir zum Abitur schenken lassen und sie beim Bund gelesen. Ich war davon sehr mitgerissen, aber als ich mich dann Jahre später mal an die französische Fassung rangetraut habe, hatte ich das Gefühl, ein vollkommen anderes Buch in der Hand zu halten. Ich dachte mir: wenn mir das Buch von Frau Rechel-Mertens nicht mehr gefällt, dann übersetze ich es doch selbst!

Das war dann also der Anstoß, dass ich mich zehn Jahre lang in Prousts Welt vertieft habe.

rbbKultur: Sie sagen, dass dieses Projekt Sie schon zu Ihrer Zeit beim Bund ergriffen hat. Dann hat Sie dieses Projekt doch sehr, sehr lange dann bewegt?

Fischer: Nein, das Projekt zur Übersetzung kam erst im Jahr 2000. Ich habe "Die Recherche" das erste Mal 1963 bis 1965 gelesen, als ich beim Bund war. In den späteren Jahren habe ich mich dann auch langsam in die sonstigen Arbeiten Prousts reingelesen. Aber die Neuübersetzung, das war im Jahr 2000.

rbbKultur: Ich habe vorhin schon mal einen Ausschnitt aus Ihrem neuen Kursbuch zitiert - diesen Halbsatz, dass man fast geneigt sein könnte, Proust als deutschen Autor zu reklamieren. Diesen Satz habe ich schändlich aus dem Zusammenhang gerissen. Sie sprechen danach sofort auch von Prousts urfranzösischer Seite. Das gehört unbedingt dazu. Warum könnte Ihrer Meinung nach jemand auf die Idee kommen, Proust als deutschen Autor anzusehen?

Fischer: Das war ein bisschen ironisch gefasst. Ich dachte dabei vor allen Dingen an Prousts Sprache, die ja von den Franzosen als sehr kompliziert angesehen wird. Aber die Engländer sagen: Proust schreibt ja deutsche Syntax! Das war für mich der Ausgangspunkt, dass ich gesagt habe, dass er ja auch mütterlicherseits deutscher Herkunft ist. Seine Großmutter, Adèle Bernkastel, sprach noch Deutsch und seine Mutter hat sich mit Ludwig Tieck befasst, war also auch in der deutschen Sprache gut zu Hause.

Das ist also ein Erbe, das Proust gepflegt hat. Auch am Condorcet, am Gymnasium, hatte er Deutsch als Wahlsprache genommen.

rbbKultur: Richtig gut Deutsch gesprochen hat er aber nicht, schreiben Sie …

Fischer: Das ist eine komische Sache. Er hat sich einen Brief von Ludwig Curtius auf Deutsch übersetzen lassen. Das kann ich gar nicht verstehen, weil er bei anderen Gelegenheiten sehr gute Deutschkenntnisse unter Beweis gestellt hat.

rbbKultur: Die Sache mit den deutschen Hintergründen ist ein Aspekt in Ihrem neuen Buch "Auf der Suche nach Marcel Proust. Ein Album in Bildern und Texten". Was war denn überhaupt Ihre Idee mit diesem Buch? Wen wollten Sie ansprechen? Ist es ein Buch für Einsteiger oder für Proust-Kenner?

Fischer: Es ist zum Teil für Einsteiger gedacht, aber auch als begleitende Lektüre. Es wird ja immer davor gewarnt, "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" als Autobiografie zu lesen und Proust selbst hat auch gesagt: der, der da "ich" sagt, das bin nicht immer ich. Aber das heißt natürlich auch umgekehrt, dass das sehr oft durchaus er ist. Um bei der Lektüre von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" dieses Wechselspiel zwischen Erzähler und Autor genießen zu können, ist es dann auch wertvoll, ein bisschen was über sein Leben und die Person zu wissen.

Nun gibt es schon ausgezeichnete Biografien - aber dann dachte ich mir, die alten Römer sagten schon: Zeige mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du bist. Da kam ich dann auf die Idee, Proust durch sein Umfeld darzustellen - mit Bildern und durch seine Wechselwirkung mit diesem Umfeld, indem ich ausgewählte Texte vorstelle, die auch unterhaltsam sein sollen und schon mal einführen sollen in Prousts Stil.

rbbKultur: Sein Großwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" wird schon ewig als eines der ganz entscheidenden Werke im zwanzigsten Jahrhundert gerühmt. Doch lange Zeit, über 60 Jahre, gab es eben nur – wie bereits erwähnt - die eine richtige Übersetzung dieser sieben Bände von Eva Rechel-Mertens. Woran lag es, dass dieses wichtige Werk so lange nicht neu übersetzt wurde?

Fischer: Es gibt zwei Punkte. Einmal hat Eva Rechel-Mertens einen ungeheuren Nimbus - keiner hat sich richtig getraut, sich neben sie zu stellen. Ich habe Luzius Keller, der die Rechel-Mertens-Übersetzung überarbeitet hat, gefragt, warum er das Ganze nicht gleich neu gemacht hat. Er sagte, dass der Verlag nicht am Nimbus von Frau Rechel-Mertens kratzen wolle. Das wird wohl viele abgehalten haben.

Und dann muss man es sagen: Ich habe zehn Jahre an der Übersetzung gesessen. Nicht jeder hat das Stehvermögen - oder besser gesagt: das Sitzvermögen!

rbbKultur: Können Sie uns beschreiben, was es für Unterschiede zur französischen Fassung gibt bzw. was Sie mit Ihrer Übersetzung sichtbar machen wollten?

Fischer: Bei dem französischen Text hatte ich den Eindruck, dass Proust sprachlich, zum Beispiel durch übermäßige Verwendung des Konjunktivs, seine Erzählung in der Schwebe halten wollte. Er will sich nicht festlegen, er will nicht beschreiben: die Welt ist so und so, sondern meine Welt ist Vorstellung. Sie ist zwar wie eine Montgolfière, wie ein Fesselballon an der Wirklichkeit verankert, aber sie ist nicht die Wirklichkeit, keine Abbildung davon.

Bei der Rechel-Mertens Übersetzung hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass die Übersetzerin sich von der Kritik des damaligen Großkritikers Paul Souday hat beeinflussen lassen, der über die vielen Konjunktive geschimpft hat und hat da vieles plattgebügelt.

Das ist nur ein kleiner Punkt. Die Rechel-Mertens Übersetzung jedenfalls scheint Prousts Welt mehr als eine faktische Welt zu beschreiben und nicht als eine erträumte.

rbbKultur: Können Sie sich vorstellen, nachdem Sie sich jetzt schon ein Leben lang mit Marcel Proust beschäftigen, wie ein Leben ohne Proust für Sie wäre? Oder anders gefragt: Was haben Sie von dieser langen und tiefen Beschäftigung mit Proust?

Fischer: Ich glaube, dass ich dabei gelernt habe, mehr Abstand von mir selbst zu halten und meine Umwelt mit einer gewissen ironischen Distanz zu betrachten. Das ist sicherlich sehr hilfreich im Umgang mit anderen. (lacht)

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.