Pieke Biermann
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Pieke Biermann | Bild: radioeins/Krüger

Wer soll Amanda Gorman übersetzen? - Pieke Biermann zur Debatte, wer welche Autor*innen übersetzen darf

Kann eine weiße Übersetzerin das Gedicht einer afro-amerikanischen Lyrikerin authentisch genug in eine andere Sprache übertragen? Diese Frage wird in den Niederlanden heftig diskutiert. Sollten Texte schwarzer Autor*innen möglichst nur von Schwarzen übersetzt werden? Ein Gespräch mit der Übersetzerin Pieke Biermann - für ihre Übersetzung von "Oreo", dem Roman der afro-amerikanischen Schriftstellerin Fran Ross, wurde sie im vergangenen Jahr mit dem Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

rbbKultur: Frau Biermann, Sie haben im vergangenen Jahr bei der Leipziger Buchmesse den Übersetzerpreis für Ihre Übertragung des Romans "Oreo" erhalten. Geschrieben wurde der Roman von der afroamerikanischen Schriftstellerin Fran Ross. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion werden Sie wahrscheinlich sagen: Doch, ich kann solche Texte übersetzen.

Biermann: Ich finde, die Frage ist völlig falsch gestellt. Kann weiß schwarz übersetzen? Das erinnert mich an diese blöde Frage: was darf Satire? Tucholsky: Satire darf alles, wenn sie es KANN. Und der Satz ist wichtig. Ob man das kann, hängt sehr individuell von der-/demjenigen ab, die/den man übersetzt und der-/demjenigen, der/die man ist. Das ist eine individuelle Geschichte. Da kann man nicht solche pauschalen Dogmen aufstellen. Das ist absurd.

rbbKultur: Aber ein Kern dieser Frage ist doch, ob man als weiße Frau, die wie Sie in Deutschland lebt, die Erfahrungen einer schwarzen Frau in den USA, die dort zu einer diskriminierten Minderheit gehört, nachvollziehen kann? Kann man diese Erfahrungen teilen und in einen literarischen Text übertragen?

Biermann: Es geht doch immer darum, dass man sich in jemand anderen hineinversetzen kann. Die ganze Kunst des Übersetzens ist nach meiner Vorstellung eine mimetische Kunst. Für mich hat mimetische Kunst etwas mit anverwandeln zu tun. Es geht nicht darum, ob ich etwas übersetzen darf, sondern ob ich etwas übersetzen will. Kann ich mir vorstellen, mich der Situation, der Atmosphäre des Autors/der Autorin so anzuverwandeln, dass ich eine einigermaßen übertragungssichere, reichhaltige deutsche Fassung aus einer anderen Sprache machen kann?

Das ist im Grunde wie mit der Rechtsprechung – es geht immer um individuelle Entscheidungen.

rbbKultur: Warum ist Ihnen das ganz offensichtlich gelungenen im Fall Ihrer ausgezeichneten Übersetzung von Fran Ross‘ Roman? Was waren die Voraussetzungen dafür, dass Sie den Hintergrund dieses Schreibens der Autorin verstanden haben?

Biermann: Es gibt eine ganz alberne Antwort: Ich habe mich nach zehn Seiten in dieses Buch verliebt. Da geht es wieder los mit dem Anverwandeln: Wenn man sich verliebt, verwandelt man sich an den Anderen/die Andere. Ich habe das Buch sofort adoptiert. Ich war absolut fasziniert davon. Das war Liebe auf den ersten Blick. Ich glaube, so ein Moment ist immer dabei, wenn man gute, wichtige Literatur übersetzt. Dann entscheidet sich für einen selber, ob man sich das zutrauen kann. Man riskiert immer etwas dabei. Natürlich wird das nie hundertprozentig - eine Übersetzung ist immer etwas anderes als ein Originaltext. Das ist eine Binsenweisheit.

rbbKultur: Es gibt noch eine zweite Ebene der Problematik. Nämlich die, dass nicht-weiße Menschen deutlich unterrepräsentiert sind. Dann könnte man doch sagen, dass ein Übersetzungsauftrag schwarzer Autor*innen für schwarze Übersetzer*innen eine Chance wäre, den Literaturbetrieb diverser zu machen?

Biermann: Selbstverständlich. Aber das ist wieder ein ganz allgemeines und damit sehr individuelles Problem, so dialektisch das klingt. Selbstverständlich sind schwarze Menschen in jeder Art von Beruf in unserer Republik unterrepräsentiert, wenn nicht sogar diskriminiert. Sie werden disqualifiziert oder übergangen. Es geht auch immer ums Geldverdienen. Natürlich sind die Chancen für Weiße allerlei Geschlechts zurzeit sehr viel besser als für nicht weiße Menschen in diesem Land. Das muss anders werden. Aber damit entscheidet sich nicht die Qualität einer Übersetzung. Nur weil jemand nicht weiß ist, kann er jemanden, der nicht weiß ist, nicht unbedingt besser übersetzen. Da muss dann schon noch etwas anderes dazukommen. Und dann bitte unbedingt!

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.