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Neues Buch "Komplett Gänsehaut" - Sophie Passmann – Autorin und Internet-Girl

Sophie Passmann schreibt gesellschaftskritische Kolumnen und war Mitglied der Satire-Sendung "Neo Magazin Royale". Ihr feministisches Buch "Alte Weiße Männer“ hat für viel Aufsehen und Kritik gesorgt. Und für ihre Präsentation der fiktiven Ausstellung "Männerwelten" über Sexismus und sexualisierte Gewalt wurde Sophie Passmann gerade für den Grimme-Preis mitnominiert. Sie bezeichnet sich selbst als Internet-Girl, ist bei Instagram und Twitter sehr aktiv und viel gefolgt. Jetzt ist ihr neues Buch erschienen: "Komplett Gänsehaut", eine Abrechnung mit Vertretern ihrer Generation aus der Mittelschicht. Über ihr Buch, ihre Arbeit als Podcasterin, Moderatorin und satirische Feministin sprechen wir mit Sophie Passmann.

rbbKultur: Frau Passmann, Ihr neues Buch "Komplett Gänsehaut" lässt sich als Roman, als Essay aber auch als satirische Dokumentation lesen. Als was haben Sie es denn geschrieben?

Passmann: Als all das, was Sie gesagt haben. Als Roman natürlich nicht. Aber es war sehr schwer, das Buch einzuordnen, weil alles so ein bisschen drin ist. Es ist vielleicht zu erzählerisch für ein Sachbuch, es ist aber zu sachlich für einen Roman. Es hat zu viele fiktionale Teile für eine Ich-Geschichte. Es ist eine Mischung aus allem.

rbbKultur: Ich habe beim Lesen Schnappatmung bekommen, so rasant ist das Buch geschrieben! Das sieht man an wahnsinnig vielen Kommas, manche Sätze nehmen überhaupt kein Ende … Warum haben Sie sich für dieses Supertempo entschieden?

Passmann: Zum einen, weil ich mir das erzählerisch genauso gewünscht habe, dass die Erzählerin, die mir – mit ein paar Unterschieden – sehr ähnlich ist, zwischendurch ein bisschen hektisch und ungehalten wirkt, weil sie sich ja in eine Suada, in eine Wutrede, reinspricht und reindenkt. Und da wird mir der Ton ganz wichtig.

An manchen Stellen habe ich mich auch für diesen Ton entschieden, weil ich glaube, dass er unterhaltsamer ist als der vielleicht stilistisch etwas sattelfestere Ton, den man sonst wählen könnte.

rbbKultur: Was ich beim Lesen auch ganz oft gedacht habe, war: mein Gott, diese Sorgen möchte ich auch mal haben …!

Passmann: Ja, das habe ich aber auch zwischendurch gedacht. Es ging mir nicht darum, anzuprangern, wie schlimm das Leben ist, wenn man in schönen Altbauwohnungen lebt, sondern ganz im Gegenteil: Ich wollte mir das mit aller Erbarmungslosigkeit anschauen, weil ich ja selber Teil des Milieus bin, über das ich mich da lustig mache oder das ich zumindest auseinandernehmen möchte - vielleicht nur, um es zu untersuchen.

Ich habe auch ständig gedacht: mein Gott, was haben wir denn für Probleme? Aber es gab auch Stellen beim Schreiben, wo ich dachte: naja, wenn man lange genug an der Oberfläche kratzt, kommt man trotzdem an eine Stelle, die vielleicht etwas existenzieller ist als: "Schatz, es war kein Risotto-Reis mehr im Supermarkt."

rbbKultur: Man kann dieses Buch auch als Hilfeschrei einer Frau lesen, deren größte Angst es ist, dass andere sie so sehen, wie sie die meisten anderen sieht, nämlich als - so heißt es im Buch – "Arschlöcher, die Rezepte aus dem SZ-Magazin abfotografieren und nachkochen". Sie sind nicht eins zu eins mit dieser Erzählerin zu setzen, aber warum ist es Ihnen offenbar so wichtig, dass andere Sie mögen?

Passmann: Erstmal, weil ich glaube, neurotisch zu sein eine der lustigsten Haltungen ist, die man seit Jahrzehnten im Humor findet. Ich bin froh, dass Sie diese Grundneurose da rauslesen, weil einige sie überlesen, und das finde ich schade. Sie ist erstmal unterhaltsam, sie ist aber auch wahr, wie ich finde. Sie ist relativ milieu- und vielleicht sogar generationenbeschreibend für Leute, die Mitte/Ende 20 sind, wo es viel um Ich-Botschaften geht. Und wer viele Ich-Botschaften sendet, der ist natürlich auch darauf angewiesen, dass diese Ich-Botschaften irgendwann irgendwo räsonieren und auf irgendjemanden treffen.

Deswegen finde ich das, was Sie gesagt haben, erstens total treffend und zweitens auch gar nicht schlimm.

rbbKultur: Ich finde es spannend, was Sie gerade gesagt haben. Mich regt es nämlich wahnsinnig auf, dass wir in einer Ich-Gesellschaft leben. Glauben Sie, dass ein Buch wie dieses etwas dagegen unternehmen kann?

Passmann: Ich glaube sowieso überhaupt nicht, dass Literatur und Kunst dafür da sind, die Welt auf eine ideologische Art und Weise zu verändern. Da gibt es andere Sachen, die das besser können. Ich habe also gar nicht den Anspruch gehabt, ein Buch in die Welt zu werfen, das die Welt besser macht.

rbbKultur: Sie haben gesagt, es ist nicht Ihr Anspruch, mit dem, was Sie schreiben und machen, die Welt ideologisch zu verändern. Was ist Ihr Anspruch?

Passmann: Mein erster Anspruch ist immer zu unterhalten. Das ist der Kern meiner Jobs. Egal, ob im Internet, beim Schreiben oder im Fernsehen – ich mache das, weil ich unterhaltsam sein möchte. Wenn es dann auch noch schlau ist oder vielleicht etwas über die Welt sagt, was Unterhaltung nicht unbedingt sagen müsste, dann ist das für mich ein Pluspunkt. Aber ich käme niemals auf die Idee, etwas ideologisch Einwandfreies zu machen, was aber am Ende langweilig ist.

rbbKultur: In Interviews werden Sie immer wieder gefragt, warum Sie so einen Hass hätten. Darauf wäre ich nie gekommen. Haben Sie das Buch wirklich mit Hass geschrieben?

Passmann: Ich glaube, das liegt daran, dass in der Buchvorschau des Verlags das Wort "literarischer Selbsthass" vorkommt. Ich würde es gar nicht als Selbsthass bezeichnen, sondern der Text ist so eine Art literarische Autoaggression. Der Text arbeitet so ein bisschen gegen sich selbst, das war aber auch der Sinn davon. Die Erzählerin geht durch die Welt und sagt: ich weiß alles, ich kenne alles, ich finde alle doof und ich bin toller als alle anderen.

Aber der Text weist immer wieder darauf hin, dass das völliger Quatsch ist, dass diese Frau viel einsamer, viel doofer, viel unsouveräner ist, als sie die ganze Zeit behauptet. Und wenn man mal zwei, drei Zeilen darüber schreibt, wie doof man Altbauwohnungssuche findet, dann denken Leute im Feuilleton sofort, das hat mit Hass zu tun.

rbbKultur: Einsam, doof, unsouverän – das sind nicht Sie, aber wie nah ist Ihnen diese Frau, die Erzählerin?

Passmann: Ich glaube, so 80/20. Es gibt diesen Geheimtrick bei Langzeitbeziehungen, dass man sagt, 80 Prozent muss der Partner, mit dem man lange zusammen ist, erfüllen, und die anderen 20 Prozent, die er nicht erfüllt, kann man sich woanders holen. Ungefähr so habe ich es mit der Figur, über die ich geschrieben habe. Die hat die 80 Prozent, die ich selbst an mir solide finde, und die 20 Prozent hole ich mir woanders.

rbbKultur: Ein kleines Zitat aus Ihrem Buch: "Das Bürgertum ist fürchterlich subtil. Die meisten Ressentiments werden nie angesprochen, sondern nur angedeutet, mit hochgezogenen Augenbrauen oder überraschten Nachfragen auf Stehempfängen." - Ob nun Bürgertum oder nicht - ist das nicht längst allgemein so?

Passmann: Es gibt aber eine ganz spezielle Art und Weise der sich selbst verstandenen bürgerlichen Mitte. Alles, was man denkt und tut, für ein bisschen normaler zu halten als das, was andere denken und tun. Familien- und Lebensweisen, die so sind, wie der CDU-Parteitag sich das wünscht. Ein westdeutscher, weißer Mittelstand, seit drei Generationen am selben Ort lebend. Da gibt es, glaube ich, schon eine gewisse Hegemoniallust in der Art und Weise, wie man auf die Welt blickt.

Ich finde, da muss ich Ihnen doch leider widersprechen, das unterscheidet sich etwas von anderen Leuten.

rbbKultur: Können Sie diesen Unterschied an einem Beispiel erläutern?

Passmann: Ich glaube, Leute, die so groß geworden sind wie ich – also westdeutsch, Akademikerhaushalt, man erbt irgendwann vielleicht ein kleines Haus und alles ist irgendwie gut – uns wurde ja immer vermittelt, dass die Welt oder alles, was wir um uns herum sehen, uns gehört. Das fängt bei der Religion an: Unsere Feiertage sind natürlich die, an den Ferien sind und die groß gefeiert werden. Alle Leute um uns herum sehen aus wie ich. Jeder Spitzenpolitiker hat meine Hautfarbe, meinen Glauben, meine Herkunft. Es gibt nahezu keine ostdeutsche Elite. Das heißt, ich schaue mich um und sehe Leute, die entscheiden dürfen, wie die Welt zu sein hat. Und die sind alle in Nuancen - einziger Unterschied ist oft das Geschlecht - wie ich.

Ich glaube, das sorgt dafür, dass man durch die Welt geht und denkt: naja, das ist ja offensichtlich alles ein bisschen mehr für mich als für die anderen.

rbbKultur: Sie stammen aus Kempen bei Krefeld, sind aber in der Nähe von Freiburg im Breisgau aufgewachsen und leben in Berlin. Ist Berlin für Sie so etwas wie eine Traumstadt?

Passmann: Berlin kommt in Deutschland am nächsten an eine Traumstadt ran. Wenn die Stadtverwaltung mal auf Mails antworten würde … Und ihr räumt nie Müll weg. Das habe ich jetzt als neu Zugezogene in Berlin festgestellt, das ist einfach allen egal. Das finde ich ganz charmant.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Gespräch können Sie als Audio nachhören.