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Bild: Gregor Baron

Veranstaltungen der Akademie der Künste - Heinrich Mann zum 150. Geburtstag würdigen

Heinrich Mann gilt als herausragender Autor seiner Zeit, gesellschaftskritisch engagiert. Er setzte sich als Vorsitzender der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste für Demokratie, Menschenrechte und die Freiheit der Kunst ein. Unter dem Motto "Denker, Dichter, Demokrat. Heinrich Mann zum 150. Geburtstag" findet heute eine virtuelle Geburtstagsfeier statt, am Sonnabend wird der Heinrich-Mann-Preis verliehen. Die Präsidentin der Akademie der Künste, Jeanine Meerapfel, über die Bedeutung von Heinrich Mann.

rbbKultur: Frau Meerapfel, mit "Denker, Dichter, Demokrat" ist die virtuelle Geburtstagsfeier für Heinrich Mann überschrieben. Ist damit schon alles erfasst, was Heinrich Mann war und wie wir uns an ihn erinnern sollten?

Meerapfel: Nein, das kann nicht alles erfasst sein. Heinrich Mann zählt nicht nur zu den herausragenden Autoren seiner Zeit, sondern sein Werk ist bis heute gültig. Es ist durch eine gesellschaftskritische Haltung geprägt. Er war ein Mann, der nicht nur geschrieben hat, er hat sich für die Demokratie, für Menschenrechte und für die Freiheit der Kunst eingesetzt. Er hat sich in seinem satirischen Roman "Der Untertan" mit der Macht auseinandergesetzt, er kritisierte das Kaiserreich – zugleich war er sehr hellsichtig, er beschrieb, wie das Bürgertum für die Verbreitung von anti-demokratischen Bewegungen und Nationalismus verantwortlich war.

Für mich gehörten zu seinen wichtigsten Schriften die Romane "Die Jugend des Königs Henri Quatre" und "Die Vollendung des Königs Henri Quatre". Das sind meine Lieblingsbücher. Diese sehr persönliche Beschreibung von Macht und Ohnmacht eines Regierenden, die Beschreibung vom Kampf zwischen den Religionen hat mich einfach sehr beeindruckt. Es sind sehr historische Romane, aber wir lernen für die Gegenwart.

rbbKultur: Heinrich Mann war von 1930 bis zu seinem erzwungenen Austritt und der Emigration 1933 Vorsitzender der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste. Wie hat er Anfang der 30er Jahre gewirkt?

Meerapfel: Er hat die Akademie der Künste gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten Max Liebermann für die Moderne geöffnet. Sie haben die Akademie als eine autonome Künstlergemeinschaft verstanden, sie haben Debatten zu Kunst und Kultur angeregt und sie haben auch etwas gemacht, was bis heute nachwirkt: sie haben die Stimme der Kunst in der Gesellschaft zu vertreten. Beide, sowohl Liebermann als auch Mann, mahnen eigentlich mit ihren Biografien, was passiert, wenn eine Gesellschaft undemokratische Ideologien propagiert.

Mann wurde von den Nationalsozialisten zum Austritt gezwungen, er emigrierte wenig später wie so viele andere. So wurden zwischen 1933 und 1938 41 Akademiemitglieder aus politischen oder antisemitischen Gründen ausgeschlossen. Erst 1950 wurde er von der im Ostteil von Berlin neugegründeten Deutschen Akademie der Kunst zum Präsidenten berufen. Leider verstarb er, bevor er sein Amt antreten konnte.

rbbKultur: Heute Abend wird Heinrich Mann gefeiert - im Livestream, zugänglich für alle. Neben Ihnen wird auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprechen und es gibt eine Lesung mit Matthias Brandt und Jenny Schily. Werden die beiden vielleicht aus Ihren Lieblingsbüchern lesen?

Meerapfel: Nein, sie werden Briefe und unveröffentlichte Texte von Heinrich Mann lesen. Es ist auch schwer, aus einem dicken Wälzer wie "Henri Quatre" Auszüge zu lesen!

rbbKultur: Am Samstag, am Geburtstag von Heinrich Mann, findet die digitale Verleihung der Heinrich-Mann-Preise 2021 und 2021 satt – an Eva Horn und Kathrin Passig und damit an zwei politische Denkerinnen. Sind die beiden genau die richtigen Preisträgerinnen in unserer Zeit?

Meerapfel: Ich denke schon. "Zukunft als Katastrophe" hieß Eva Horns große Erzählung über Apokalypse-Darstellungen. Wenn wir es heute lesen, glauben wir nicht, dass sie es schon wusste. Bei ihr verliert die politische Perspektive nie die Bedeutung. Bei Kathrin Passig ist es ähnlich: Sie ist auch eine Diagnostikerin der Gegenwart und jemand, die mit Texten genauso scharf und unaufgeregt auf unsere Gesellschaft schaut. Das sind zwei sehr interessante Preisträgerinnen.

Thomas Mann ist mehr im Gedächtnis geblieben, aber Heinrich Mann ist in meinen Augen der wichtigere. Es gab einen Moment, in dem ich wirklich entsetzt war: Als ich in seinem Taschenkalender das Wort "abgereist" las. Als er diese Eintragung 1933 machte, war er schon auf dem Weg weg aus Deutschland und es war eigentlich ein Abschied für immer. Er konnte nie wieder zurückkehren. Das heißt, Heinrich Mann steht auch für die Emigration der größten Köpfe aus diesem Land. Das ist etwas, das wir nicht vergessen dürfen und was uns auch dazu verhelfen soll, aufzupassen, dass unsere Demokratie so stark bleibt, wie sie ist.

Das Gespräch führte Frank Schmid, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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