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"Journal - Tagebuch in Zeiten der Pandemie" - Carolin Emcke: "Solidarität und Empathie scheinen immer knapper geworden zu sein"

Ein Corona-Tagebuch als Mutmacher? Es sind sehr persönliche Reflexionen, die Carolin Emcke während des ersten Lockdowns vor einem Jahr in der Süddeutschen Zeitung angestellt hat. Sie schreibt über die psychische, soziale, politische Verfassung unserer Gesellschaft, über Europas nationalistische Reaktionen und über globale Konstellationen. Jetzt sind ihre Betrachtungen unter dem Titel "Journal - Tagebuch in Zeiten der Pandemie" im S. Fischer Verlag erschienen. Haben sich Emckes erste Analysen bewahrheitet?

rbbKultur: Frau Emcke, in Ihrem Buch schreiben Sie – Zitat: "Es ist die Gegenwart, die mich umtreibt, jeden Tag, wie sie sich verwandeln lässt in etwas, das mir gehört, wie ich handlungsfähig, zugewandt, wach bleiben kann." Wie verwandeln Sie diesen Tag in etwas, das Ihnen gehört?

Emcke: Zunächst einmal, indem ich die Musik, die Sie gerade gespielt haben und die ich nicht kannte (Anm. d. Red.: op. 109 von Felix Mendelssohn Bartholdy), mir sofort nochmal anhören werde! (lacht)

Für mich ist es im Verlauf der Krise eigentlich immer wichtiger geworden, diesem Rhythmus der Krise was entgegenzusetzen. Mir Auszeiten zu suchen, die hinausweisen aus der Angst, der Sorge oder der Belastung, die diese Krise auch mit sich bringt. Ich glaube, für jeden individuell sind das wahrscheinlich auch ganz unterschiedliche Praktiken. Für mich war es einerseits die Musik und zum anderen die Hinwendung zu Freund*innen.

Während wir genötigt waren, allein oder isoliert zu sein, war es für mich ausgesprochen wichtig, dem nicht nachzugeben, sondern weiter nach Gesten und Praktiken der Freundschaft zu suchen.

rbbKultur: Wie haben Sie das getan bzw. wie tun Sie das? Man kann spazieren gehen oder sich virtuell sehen …

Emcke: Spazieren gehen ist sicherlich eines gewesen. Es hängt natürlich auch davon ab, von welcher Phase der Krise wir sprechen – vom ersten Lockdown, vom Sommer, vom zweiten Lockdown oder von jetzt. Bei gutem Wetter war das Spazierengehen natürlich eine Option. Ich bin auch Boule spielen gegangen. Aber es gab zum Beispiel auch ältere Menschen, die in ihrer Wohnung geblieben sind und sich vielleicht auch gar nicht getraut haben, spazieren zu gehen. Einfach mal mit dem Fahrrad zu deren Wohnung zu fahren, von der Straße aus Zeichen zu geben, Signale zu geben - ich glaube, es gibt ein ganzes Spektrum und wir dürfen uns eben nur nicht einschnüren lassen durch diese Pandemie, sondern wir müssen immer wieder nach Gesten suchen, die solidarisch sind und die zu Freund*innen hinweisen.

rbbKultur: Sie gehen gerne spazieren. Nicht unbedingt nur als Freizeitaktivität, sondern auch als Aufgabe, als Erkundung und Beobachtung. Das haben Sie schon getan, als Sie noch als Reporterin in Krisengebieten weltweit unterwegs waren, um sich einen Überblick zu verschaffen über das Leben und Denken dort. Was erleben Sie in Berlin dieser Tage?

Emcke: Das Rausgehen, das in andere Gegenden gehen, ist eines der Dinge, die mir immer noch wichtig sind. Ich glaube, die größte Sorge, die jemand wie ich jetzt hat, ist, dass diese Pandemie uns den Blick immer weiter verengt. Dass es immer nationalistischer wird, dass es immer noch kleiner und immer provinzieller wird, nur die eigene Nachbarschaft oder der eigene Haushalt relevant wird.

Dazu muss man ausbrechen. Sei es dadurch, dass man eben Spaziergänge oder Fahrradtouren macht, oder sei es einfach auch, dass man den Blick immer wieder in die Welt weitet und sich nicht nur mit sich selbst beschäftigt. Dieser Autofokus ist das, was mir als Person, aber auch politisch, am heikelsten erscheint.

rbbKultur: Ich bemerke an mir selbst, dass ich zunehmend müde werde nach diesem Jahr. Dass man sich, wie Sie es beschreiben, einengt, nur noch auf sich selbst schaut und darauf, dass der Tag gut wird. Haben Sie den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft die Fähigkeit zur Empathie abnimmt?

Emcke: Das ist ein guter Punkt. Wenn wir uns erinnern: Vor einem Jahr war zumindest ich recht berührt und auch verzaubert, dass es endlich ein politisches Vokabular gab, das von Solidarität sprach, von Fürsorge – fast von Care-Ethik. Die Ressourcen Solidarität und Empathie scheinen mir immer knapper geworden zu sein, immer engstirniger, immer selbstbezogener. Das ist meiner Meinung nach etwas, dem man sich jetzt mal deutlich widersetzen muss - so groß die Sorgen auch sind.

Alle von uns, gerade die, die in der Kultur arbeiten, sind natürlich besorgt. Aber den Fokus zu anderen, in andere Gegenden hinein wieder ein bisschen zu öffnen, wird dringend nötig.

rbbKultur: In Ihrem Buch "Journal" empfehlen Sie konkret, sich mindestens einmal in der Woche etwas vorzunehmen, das einen wieder auffüllt. Mit oder für jemanden etwas Übermütiges, Herzerwärmendes, Albernes, Aufregendes oder Beglückendes zu tun - ganz gleich, wie viel Kraft es kostet. Was war Ihre letzte herzerwärmende, übermütige oder beglückende Tat?

Emcke: Ich bin mit der Bahn zu einem Freund nach Frankfurt gefahren, von dem ich glaubte, dass er etwas Ablenkung oder Zuspruch gebrauchen kann. Ich bin mit ihm einmal am Main auf und abgelaufen und wieder zurückgefahren. Etwas, was man normalerweise nie machen würde.

Wenn man das Gefühl hat, dass es jemandem guttut, ist es ein richtiges Zeichen. Sich einfach auch mal ein Bein wieder auszureißen für andere!

rbbKultur: Sie haben es gerade angesprochen: Die Situation für die Kulturschaffenden ist sehr, sehr schwierig. Was befürchten Sie für die Gesellschaft, wenn wir keine gemeinsamen Erlebnisse wie Konzerte und Theaterbesuche mehr haben?

Emcke: Ich glaube, dass das, was wir im Moment erleben an digitaler Simulation von Kultur – das mache ich auch mit Lesungen im Livestream - kein Ersatz sein kann, weil ich es schon für wirklich existenziell halte, mit anderen gemeinsam in einem Raum zu sitzen, an einem Ort zu sitzen und im Theater oder Konzert ein Gemeinschaftserlebnis zu haben.

Nehmen wir jetzt mal die Musik als Beispiel, weil sie uns beiden so wichtig ist: Ich setze mich in einem Konzert, in einem Raum natürlich auch ganz anders aus. Sobald es mir nicht gefällt oder ich die Musik beim ersten Hören vielleicht noch nicht verstehe, besteht beim online Hören die Gefahr, sie einfach wegzuklicken oder auszuschalten. Die Neigung, bequemer zu sein, wird online stärker genährt. Wohingegen wenn ich im Konzertsaal sitze, es natürlich auch einen sozialen Druck gibt - da kann ich nicht gleich aufstehen und rausgehen, wenn mir etwas zunächst nicht als einleuchtend erscheint.

Kultur bedeutet eben nicht nur Unterhaltung, sondern sich irritieren zu lassen, sich etwas auszuliefern, was einem vielleicht noch nicht sofort eingängig ist und darüber dann auch zu wachsen: zu wachsendem Hören zu wachsen, in der Empathie und in der Nachdenklichkeit zu wachsen. Insofern glaube ich schon, dass wir im Moment auf etwas wirklich Existenzielles verzichten müssen, dass uns etwas genommen wird, das uns miteinander verbindet, aber eben auch wachsen lässt.

rbbKultur: In Ihrem Buch beobachten Sie auch die guten Seiten der Pandemie – zum Beispiel, dass die guten Leute deutlicher zu erkennen sind. Wer sind diese "guten Leute"?

Emcke: In meinem Beispiel im Buch ist es ein Polizist aus Kreuzberg, den ich kenne und wahnsinnig gern mag. An manchen düsteren Tagen suche ich einfach den Kontakt, weil es mir sofort besser geht, wenn ich ihn sehe oder spreche.

Ich habe aber schon insgesamt wahrgenommen, dass sich die Konturen von Personen gleichsam schärfen. Dass manche Menschen einfach deutlicher darin geworden sind, wie gut sie sind, wie zugewandt, wie empathisch, wie solidarisch sie sind. Und manche ducken sich vielleicht weg oder werden kleiner in so einer Krise. Das kenne ich aus anderen Krisenregionen der Welt auch: dass Krisen die Dinge einfach verstärken. Das habe ich so auch wahrgenommen in dieser Zeit jetzt.

rbbKultur: Was können wir Ihrer Meinung nach denn aus dieser Pandemie lernen?

Emcke: Ich glaube, wir haben ein paar Dinge vorgeführt bekommen, die wirklich wichtig sind, dass wir sie beibehalten oder dass wir uns daran erinnern. Das erste ist, dass wir gesehen haben, dass man in einer Gesellschaft eben auch eine soziale Grammatik braucht. Man braucht bestimmte wohlfahrtsstaatliche Institutionen. Man braucht eine bestimmte organisierte institutionelle Fürsorge im Gesundheitswesen.

Diese Strukturen lassen sich nicht beliebig durch Neoliberalisierung oder Privatisierung abbauen. Wir haben in der Krise gesehen, dass die Gesellschaften besonders gut oder besser durch die Krise gekommen sind, in denen es ein starkes Gesundheitswesen gab. Das ist eine positive Erkenntnis gewesen (man würde sich natürlich wünschen, dass die Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, auch dementsprechend bezahlt würden).

Das Denken in Modellen, das Denken mit Zeit, das Denken in Dringlichkeit, das wir jedes Mal bei den elenden Ministerpräsidentenkonferenzen vorgeführt bekommen haben – da konnten wir ja sehen, wie teuer uns dieses Zögern zwei, vier, sechs Wochen später kommt, wenn nicht gehandelt wurde – ist genau dieselbe Einsicht, die wir auch im Angesicht der Klimakrise brauchen.

rbbKultur: Sie haben in Ihrem Buch auch schon angedeutet, dass Sie sich darauf einstellen, dass die Krise bis zum Sommer 2021 anhalten würde. Wie ist Ihre Einschätzung denn heute?

Emcke: Das hängt für mich schon sehr davon ab, wie gefährlich weitere Mutanten werden. Das ist im Moment auch nur ein Szenario, das wir aus Indien hören. Wir wissen noch nicht ganz genau, ob die bisherigen Impfstoffe gegen diese Mutanten auch wirken. Davon hängt es ab, ob das bisherige Szenario, dass im Herbst 2021 alle, mindestens in Deutschland, wie es so schön heißt, ein Impfangebot hatten.

Aber damit ist es natürlich global noch nicht vorbei. Wir müssen auch aufhören, nur auf dieses Land zu schauen, sondern wir müssen einfach auch bedenken, dass es ungleichzeitig im internationalen Raum stattfindet.

rbbKultur: Für Ihr Engagement für Minderheiten werden Sie mit dem Rosa Courage-Preis 2021 ausgezeichnet. Was bedeutet das für Sie? Sehen Sie es auch als Aufgabe wie 2016, als Sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten haben?

Emcke: Ich sehe das immer als meine Aufgabe. Ich bin sozusagen - ganz altmodisch vielleicht - einfach Universalistin. Ich setze mich mit meinem Schreiben und meinem Tun hoffentlich immer für Menschenrechtsfragen insgesamt ein. Der Rosa Courage-Preis freut mich jetzt wirklich sehr. Ich fand auch sehr schön, dass die Begründung in dem Fall eben war, dass ich mich für LGBTIQ einsetze, aber auch Hinweise auf andere Diskriminierungs- und Ausgrenzungsformen wie Rassismus und Antisemitismus gebe. Diese Mechaniken der Ausgrenzung interessieren mich immer.

Das Gespräch führte Carolin Pirich, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Gespräch können Sie als Audio nachhören.